Paradiesvogel

Ein Paradiesvogel mit schillerndem Gefieder
ließ sich überraschend in meinem Leben nieder.
War fasziniert von seinen Farben
und wie er sie zur Schau getragen.

Verführerisch war sein Gesang,
wortgewandt und ungemein galant.
Unwiderstehlich seine Gegenwart,
war in Glückseligkeit erstarrt.

Doch irgendwo war da ein Störgefühl,
ahnte, unter dem Gefieder war nicht viel
an Substanz sowie an Tiefe:
Nichts, das Zuneigung wach riefe.

Für Dauerhaftes ist er nicht gemacht:
Paradiesvögel sind flatterhaft,
trinken die Bewunderung vom Publikum,
sonnen und gefallen sich im Momentum.

Aber – und das ist nicht zu verachten –
welch Genuss, sie zu betrachten!
Können mit unvergleichlichem Geschick
verzaubern einen Augenblick!

So ließ ich ihn dann weiterziehen,
winkte ihm auf Wiedersehen.
Sah seine Farben am Horizont verblassen,
doch ein Lächeln hatte er mir dagelassen!

© 2021 Joanna Watson Stein

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Chaos

Eben noch ein ganz normales Leben,
alles in Ordnung – Anzeichen hat es nicht gegeben.
Dann ein einziges Wort an richtiger Stelle
und in Sekundenschnelle
war nichts mehr, wie es war:
Ein neues Lebensgefühl war da!
Zunächst noch klein, doch schon bedeutend,
wuchs es täglich an, täglich neuen Raum erbeutend.
Rückzug aus bekanntem Gebiet,
alle Energie zum Neuen hinzieht.
Anmutiges Lebensfeuer verbrennt alte Gewohnheiten
und zudem verschiedene andere Kleinigkeiten:
Die Lebenssicherheit, die Ordnung und den Verlass!
Ohne diesen Rahmen verliert das Leben jedes Maß.
Die zierliche Flamme des Neuen zum Inferno avanciert,
das alles verbrennt und nicht nach alt und neu sortiert.
Als das Feuer nur noch glimmt, wird der Schaden offenbar:
Altes wie Neues liegt in Schutt und Asche da!
Steh’ im Nichts – alles zerstört.
Hab’ das Chaos kommen gehört,
konnte dennoch nichts verhindern,
konnte das Inferno nicht mal lindern
und jetzt schaut mich das Chaos grinsend an.
Ob ich die Normalität jemals wieder finden kann?

© 2021 Joanna Watson Stein

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Die Idee

Ganz überraschend traf ich sie ungefragt
gegenüber mitten im Supermarkt.
Hatt’ sie schon länger nicht mehr geseh’n,
dachte, sie würd’ mir aus dem Wege geh’n.
Die Wochen vom Alltag aufgefressen,
hatte ich sie schon fast vergessen.
Und nun steh’ ich hier vor’m Kühlregal,
treffe zwischen Jogurt und Vollmilch meine Wahl,
da tippt sie mich plötzlich von Hinten an,
ob man sich nicht mal wieder treffen kann?
Hocherfreut lad’ ich sie ein zum Tee
und sie kommt zu mir – die unerwartete Idee!

© 2021 Joanna Watson Stein

6 Uhr 30

Heut morgen früh um 6 Uhr dreißig schon
zerriss ein kreischend penetranter Ton
den kleinen Frieden, den die Nacht mir zugestand,
nachdem ich Schlaf erst in den frühen Morgenstunden fand.

Die Augen zu öffnen scheint unglaublich schwer.
Wenn ich nur nicht so müde wär’!
Unmöglich scheint es aufzustehen,
um all’ den Pflichten nach zu gehen,
die eine nach der ander’n mein Bewusstsein jetzt erreicht,
je mehr das bisschen Schlaf dem morgendlichen Leben weicht.

Groß wie der Mount Everest scheint dieser Pflichtenberg,
Lebenslust & Energie dagegen größenmäßig eher ein Zwerg.
Unmöglich diesen Tag zu überstehen,
draußen noch dunkel – noch kein Licht zu sehen.

Doch gibt es keine Alternative,
muss nun ergreifen die Initiative
und schleppe mich bis in die Küche
in Richtung der Kaffeegerüche:
Warme Milch steht auf dem Tisch
und daneben der Kaffee – heiß und frisch.

Milchkaffee – welch ein Genuss!
Köstlich – genau das, was ich um 6 Uhr dreißig haben muss!
Die Lebensgeister melden sich zurück …
Langsam geht die Sonne auf – was für ein Glück!

© 2021 Joanna Watson Stein

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Mit einer Marzipandecke aus freundlichem Gleichmut durch die Jahrzehnte Hamburgs – eine Trilogie von Carmen Korn

Kann man lesen, muss man aber nicht. Eine Trilogie, die sich um die Irrungen und Wirrungen eines Familien- und Freundeskreises in Hamburg dreht. Akzeptable Urlaubslektüre, speziell für Leute, die selbst irgendwann in Hamburg gelebt haben und daher die Plätze der Handlung kennen. Besser noch für Leute, die – wie ich – während der 70er und 80er in Hamburg gelebt haben, denn die von Carmen Korn beschriebene Lebensatmosphäre dieser Zeit deckt sich ziemlich genau mit dem tatsächlichen Lebensgefühl damals. Ein schöner nostalgischer Wiedererkennungseffekt!  

Was sich allerdings gar nicht mit der Realität deckt – nicht mit der der 70er und 80er Jahre und auch mit keiner anderen Realität -, ist, dass gegensätzlichste Lebensentwürfe und größte menschliche Enttäuschungen bis hin zu ausgewachsenem Betrug und Kriminalität von dem im Mittelpunkt der Geschichte stehenden eingeschworenen Familien- und Freundeskreis stets mit tolerantem Gleichmut und geradezu freundlich nickend hingenommen werden. Abgesehen von einer einzigen Situation, in der eine Denunziation allerdings auch immerhin den Tod der Mutter einer Protagonistin zur Folge hatte, leiden die Freundschaften – wenn überhaupt – allenfalls temporär unter derartigen Konflikten:

Betrug unter Liebenden: Kein Problem! Keine Szenen, keine Zerwürfnisse – ein ernstes Gespräch (oder vielleicht zwei) und alles ist wieder gut. Auch wenn die Lebensentwürfe der Kinder geradezu diametral im Gegensatz zu den Moralvorstellungen der Eltern stehen: Kein Problem! Man liebt die kriminelle Tochter im Terroristenmilieu weiterhin mit ausgesuchter Innigkeit. Generationenkonflikt? Ja, die Großmutter hat eine nörglerische Natur, die man mehr oder weniger klaglos hinnimmt, aber Generationenkonflikt? Was ist das überhaupt? Enkel kommen hervorragend mit ihren Großeltern aus, genau wie die Eltern mit den Kindern und umgekehrt. Alles bene! Man scheint auch immer Lust auf dieses Miteinander zu haben, was in mir zusätzlich eine gewisse Ungläubigkeit auslöst. Aber wahrscheinlich steht mir mein antisoziales Wesen hier in Wege …

Es zieht sich durch: Der Plot leidet beileibe nicht an einem Mangel von ernsten – sogar lebens- und existenzbedrohlichen – Problemlagen. Allem wird mit besagter unaufgeregter, freundlicher Gleichmütigkeit begegnet: Die langjährige Lebensgefährtin hat ein Alkoholproblem? Auch kein Thema – man lebt halt damit. Sie nimmt sich schließlich das Leben? Nun ja, nicht schön, aber man kommt ohne erkennbare Blessuren darüber hinweg. Keine Vorwürfe, keine Selbstzweifel, keine Verzweiflung. Erbstreitigkeiten? Nein, doch nicht hier! Alles löst sich wie von selbst. Die gesamte Trilogie kommt ohne gewaltige Gefühlsausbrüche aus. Dementsprechend werden die Leben der Protagonisten durch solche auch nicht aus der Bahn geworfen. 

Gleiches gilt für die Positiv-Seite der Gefühlsbilanz: Liebe, wohin man schaut: Jeder Topf findet seinen Deckel. Jede Liebe ist weitgehend klar und frei von jeglichem Hadern. Und dort wo gehadert wird, steht glücklicherweise ein ausgesprochen leidensfähiges Individuum auf der anderen Seite, das einfach duldsam abwartet, bis es sich beim geliebten Partner ausgehadert hat. Keine Frustration, keine Drohungen, kein Ausbruch aus der Beziehung. Absolute Sicherheit, dass, was immer auch passiert, man durch diesen wunderbaren Familien- und Freundeskreis aufgefangen wird. Ein schönes Bild! Kann ich gut verstehen – wünscht sich jeder. Mit der Realität aber nur schwer in Einklang zu bringen. Muss es allerdings auch nicht, denn schließlich handelt es sich bei der Trilogie ja um einen Roman und nicht um eine Dokumentation.  Eine Schicht von unverbrüchlich heiler Welt, die sich wie die Marzipandecke einer Torte über die gesamte Handlung legt. Und die die gesamte Handlung – genau so, wie durch die zuckrige Marzipandecke schließlich die gesamte Torte einfach nur noch süß und daher fade schmeckt – am Ende etwas seicht erscheinen lässt. Aber eben schön – seicht!

Daher genau das Richtige für einen entspannten Urlaub. Besonders, wenn es sich um einen Urlaub mit der Familie handelt, denn die Trilogie hinterlässt einen Hauch des irrigen Gefühls, dass alle Differenzen in der Familie doch eigentlich unbedeutend sind. Das kann ja bei einem Familienurlaub ganz hilfreich sein!

© 2021 Joanna Watson Stein

Verbundenheit

Viele Jahre Ehe,
Lieb und Leid und Nähe.
Da, wo die Nähe Euch geschunden,
habt Differenzen Ihr verwunden,
dem and’ren Eig‘nes zugestanden,
so kamt ihr niemals Euch abhanden.
Die Jahre habt gemeinsam ihr durchschritten:
Gelacht, geträumt und auch gelitten!

Ohne zu murren oder zu richten,
erfülltet täglich alle Pflichten,
ans Aufbegehren nie gedacht,
habt im Alltag Euer Glück gemacht!

Zusammen gewachsen, fest vereint,
habt jeden Zweifel stets verneint. 
Seid Euch fremd geworden und doch auch nicht:
Gestrahlt hat stetig EUER Licht!
Euch hat der Liebe Glück
im Herzen stets geführt zurück,
mit Heiterkeit und Poesie
zu Gemeinsamkeit und Harmonie!

© 2021 Joanna Watson Stein

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Vergangenheit

Bin zurückgekehrt an jenen Ort,
an dem ich aufgewachsen bin:
Kenne jeden Baum und jedes Sandkorn dort,
tausend Erinnerungen in meinem Sinn.

Aber tatsächlich kenn’ ich hier
absolut nichts und niemand mehr.
Zwar sieht vieles noch so aus wie früher,
doch dieser Schein trügt sehr!

Ganz andere Menschen, die hier jetzt leben.
Dort, wo früher Wiesen waren, wurde viel gebaut,
die einstige Idylle wurde zwar nicht aufgegeben,
immer noch schön, doch gar nicht mehr vertraut.

Meine alte Schule ist nicht wieder zuerkennen,
der Bäcker ist noch da, nur bedienen dort ganz andere Leute,
das Feinbrot scheint man jetzt “Altdeutscher Biolaib” zu nennen:
Nichts ist schlechter, nur anders ist es heute.

Fremd geworden ist mir die Lebensatmosphäre,
laufe in einer Kapsel aus Erinnerungen umher:
Als ob die Zeit vor 40 Jahren stehen geblieben wäre,
zum Jetzt an diesem Ort keinerlei Verbindung mehr.

Unverändert ist nur mein Elternhaus,
ein wenig schöner in der Tat:
Ein Ruhepol im Zeitenlauf,
die Brücke in die Gegenwart.

Mein Gefühl bleibt dennoch zwiegespalten:
Erleichterung und Melancholie,
die sich irgendwie die Waage halten,
ändern wird sich das wohl nie!

© 2021 Joanna Watson Stein

Frühstückseier

Wirklich gute Frühstückseier
sind gar nicht mal so teuer,
jedoch bedarf die Zubereitung
präzisester Gebrauchsanleitung:
Hart, weich oder gar pflaumenweich,
Ausdrücke aus dem Eier-Kenner-Reich,
lassen den Eierkoch schon mal verzagen:
Soll er es mit 5, 7 oder 10 Minuten wagen? 
Welche Bedeutung hat dabei
Kühlschrankaufbewahrung für das Ei?
Verzagen hilft nicht, Handeln scheint hier besser,
und so wirft der Koch das Ei ins kochende Wasser,
errechnet einen Mittelwert
und fischt das Ei dann unversehrt
nach 6 Minuten aus dem Topf heraus.
Serviert es dann zum Frühstücksschmaus
der Liebsten zu ihrem Toast dazu:
Ist es nun wirklich auch nach ihrem Gôut?
Die Schale schon entfernt, das Ei ist noch sehr heiß.
Schon bohrt sich ihr Löffel in des Eies Weiß;
die Spannung steigt ganz unerbittlich weiter:
Ist das Ei so wie gewünscht und stimmt die Liebste daher heiter?
Oder werden sich die Mundwinkel gleich senken?
An Harmonie am Tisch nicht mehr zu denken?
Der große Moment hat schon begonnen,
das Eigelb auf dem Löffel – hart und geronnen!
Stirnrunzeln, bevor die Liebste klagt:
Pflaumenweich hatte sie doch gesagt!
Da denkt der Eierkoch bei sich:
Den Sonntag verderben, lass‘ ich mir nicht!
Die Liebste und das Frühstücksei
sind mir im Grunde einerlei!
Darauf verlässt er den Tisch, die Wohnung und auch die Liebste,
die ihm die Harmonie am Frühstückstisch stibitzte.
So ist es also nun geschehen …
… und was kann man daran sehen?
Frühstückseier und ihre Zubereitung
haben weitreichende Bedeutung!

© 2021 Joanna Watson Stein

Photo by Pixabay on Pexels.com

Sonnenaufgang

Sonnenstrahlen: Golden, gelb und schwer
kriechen durch das Fenster zu ihr her,
erfassen langsam nach und nach
den Tisch, den Stuhl, und schließlich das Gemach.
Unentschlossen steht sie in der Tür:
Ist sie wirklich gut genug dafür?
Einzutauchen in diesen Glanz?
Teilzunehmen an der Sonnenstrahlen Tanz?
Oder kommt der Rückzug in den Schatten
ihren Unzulänglichkeiten eher zu statten?
In ihren Zweifeln so gefangen,
ergreift die Wärme wohlig ihre Wangen,
erfüllt sie bald schon ganz und gar
und dann erkennt sie, es ist wunderbar:
Das Leben heißt sie ohne Vorbehalt willkommen:
So, wie sie ist: unvollkommen …
… und so tut sie einen Schritt hinein
in das Leben, in den Sonnenschein!

© 2021 Joanna Watson Stein

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Malik (Bequemlichkeit II)

Malik ist ein Egoist,
der aus Bequemlichkeit nicht denkt, nicht liebt, nicht liest.

Als die Leere ihm aus der Seele troff’
und er weiter verbot’nen Fusel soff‘,
wünschte er sich heimlich `ne Kalaschnikow.

Seine angetrunk’nen Kumpel waren auch dabei,
gemeinsam brüllten sie, dass kämpfen doch das Größte sei!
So ging der Abend dann vorbei,
was blieb war leeres Einerlei.

Ein neuer Tag brach an
und weil Malik nichts gelernt hat und nichts kann,
sein Selbstwertgefühl ihm durch die Finger rann!
Aus lauter Frust klickt er das Darknet an,
dort schaut er, wie man Bomben bauen kann.

Weil er nur Aggression und Einfalt in sich hat,
denkt er zufrieden an ein Attentat:
Wähnt sich bereits als Held im Gottesstaat.
Euphorisch fragt er einen Klügeren um Rat,
ob er ihm einen Plan verrat
für eine wirklich üble Tat.

Dieser denkt, was für ein Glück es ist,
dass man bei Malik die Moral vermisst,
er schlicht zerstören will und dabei ganz vergisst,
dass die Tat sein eig’nes Leben mit auffrisst.
Das Geschwätz vom Paradies dagegen ist
der Demagogen kluge List,
zu gewinnen den willigen Kamikazist

Malik ist noch gar nicht alt,
doch in Herz und Seele kalt,
hat einfach Freude an Gewalt.
Ausgerüstet mit Geld und auch mit Waffen bald,
macht er vor seinem (Rest)Gewissen nicht mehr Halt:
Schon hat er den Bombengürtel umgeschnallt
und mischt sich in der Stadt in dichten Menschenwald.
Das Letzte was er hört ist, dass es knallt.

© 2021 Joanna Watson Stein