Es war die Farbe grau,
die abweisend und rau
und völlig ungeniert
diesen Novembertag regiert.
Regen, der unbarmherzig auf das Straßenpflaster fällt,
kein Sonnenstrahl, der diesen Tag erhellt.
Braune Halme, einst gehüllt in Blumengewänder,
säumen zerzaust das nasse Balkongeländer.
Auf der Suche nach Wärme und nach Licht
fällt ihr Blick in sein Gesicht.
Verzweifelt sieht sie dort mit aller Klarheit:
Eisige Kälte und Gleichgültigkeit sind in Wahrheit
das Einzige, das er ihr noch gibt,
weil er nicht sie, sondern nur sich selbst noch liebt.
„Äußerst interessant“ wäre hier sicher zu kurz gesprungen: Ein bahnbrechendes Buch! Der Buch-Titel ist im Grunde ein Understatement, denn es geht nicht nur um die Frage, warum bestimmte Denkprozesse schneller funktionieren als andere. Es geht vielmehr um eine Erklärung der Funktionsweise des Denkens an sich. Ja, es ist keine einfache Lektüre. Man sollte das Buch dennoch unbedingt in der Originalsprache lesen – die deutsche Übersetzung ist prinzipiell nicht schlecht, aber in den Feinheiten findet sich zuweilen doch ein leicht anderer Zungenschlag, was zu Lasten der Präzision geht.
Die Erklärung des Denkens in Thinking, Fast and Slow ist eine Offenbarung: Während der Lektüre hatte ich immer wieder das beglückende Gefühl, dass die historisch gewonnen Einzelerkenntnisse zur Frage des Denkens durch Daniel Kahneman in einer Weise (neu) zueinander in Beziehung
gesetzt und geordnet werden, dass sie wie von selbst an den ihnen zugedachten Platz fallen und ein großes Ganzes ergeben. Das Ergebnis ist eine klare – durch und durch logische – Erklärung, wie Denken funktioniert. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Daniel Kahneman im Jahr 2002 den Nobel-Preis erhielt. Verwunderlich ist lediglich, dass es sich um den Wirtschafts-Nobelpreis handelte, was sich aber dadurch erklärt, dass zum einen kein Nobel-Preis in Psychologie existiert und zum anderen Daniel Kahneman die Frage, wie Denk- und Entscheidungsprozesse funktionieren, anhand von wirtschaftlichen Sachverhalten, insbesondere des Konsumentenverhaltens, überprüfte. Nebenbei bemerkt, wäre es natürlich eine gute Gelegenheit gewesen, im Hinblick auf die Kahneman’sche Erklärung des Denkens einen Nobel-Preis in Psychologie ins Leben zu rufen.
Das Schöne ist, dass man als Leser selbst Mensch ist (oder jedenfalls in der überwiegenden Zahl der Fälle – ich habe keine Vorstellung, was die KI mittlerweile so alles kann), und somit am eigenen Beispiel überprüfen kann, ob die Erklärungen von David Kahneman zutreffend sind. Bewusst wähle ich hier das Wort „Erklärungen“ statt „Erklärungsversuche“, denn nach meiner persönlichen Überzeugung ist die in Thinking, Fast and Slow gegebene Erklärung mehr als eine Theorie, sie ist ein Faktum.
Kurz zusammengefasst: Was Einsteins Relativitätstheorie in der Physik ist, ist Kahnemans Erklärung des Denkens in der Psychologie!
Vor einiger Zeit besuchte ich einen Freund in einer anderen Stadt, hatte aber leider meine aktuelle Lektüre zu Hause vergessen. Eine Straße weiter gab es glücklicher Weise einen Second-Hand-Buchladen, der trotz Corona-Restriktionen geöffnet hatte und mehrere Kisten mit alten Taschenbüchern vor die Tür gestellt hatte. Da ich die Lektüre Englischer Bücher vorziehe, war die Auswahl entsprechend klein: Es gab die Option, einen schwülstigen Liebesroman à la Angélique zu erwerben oder Blue Nights von Joan Didion. Wenig überraschend entschied ich mich für Blue Nights.
Nun ist Joan Didion ja keine Unbekannte und natürlich war auch mir ihre Biographie in groben Zügen bekannt. Ich hatte mich aber bisher nicht näher für ihre Werke interessiert.
Blue Nights, das so unerwartet auf meiner Lese-Bildfläche erschienen war, änderte das grundlegend!
Nachdem ich das Buch beendet hatte, las ich diverse Rezensionen darüber. Eine meiner Marotten: erst das Buch lesen und dann die Rezensionen – nicht umgekehrt -, damit man bei der Lektüre unvoreingenommener ist. Zu meiner großen Verwunderung kamen sämtliche dieser Rezensionen zu dem Schluss, dass Joan Didion mit Blue Nights im Wesentlichen den tragischen Tod ihrer Tochter und den ihres Ehemanns verarbeitet.
Natürlich spielt der Verlust von Tochter und Ehemann eine große Rolle in Blue Nights. Wie sollte es auch anders sein, bei solch tiefgreifenden Ereignissen? Meinem Verständnis nach allerdings nicht deshalb, weil Joan Didion um deren Verarbeitung ringt, sondern vielmehr deshalb, weil der Tod von Tochter und Ehemann ihr Leben einschneidend veränderte und die Auseinandersetzung mit einer Reihe von Fragen initiierte, die gemeinhin gern aufgeschoben werden: Die Auseinandersetzung mit der EIGENEN Endlichkeit & Vergänglichkeit. Und darum geht es in Blue Nights.
Das Buch ist eine Auseinandersetzung mit den drei wesentlichen Fragen, die sich einem stellen, wenn das mittlere Lebensalter hinter einem liegt:
Wie akzeptiert man den Verlust physischer Kraft und wie geht man damit um?
Wie bewahrt man sich eine positive, nach vorn gerichtete Lebenseinstellung, wenn einem die Grenzen dessen, was im eigenen Leben noch möglich ist, bewusst werden?
Wie akzeptiert man, dass es im Leben nur um den Vorgang des Lebens selbst geht, dass man das Leben prinzipiell alleine lebt und dass andere Menschen – wie sehr man sie auch liebt oder sie einen zurück lieben – immer nur vorübergehende Weggefährten sein können?
Diese Fragen können von jedem Menschen nur ganz individuell beantwortet werden und auch Blue Nights bleibt die Antwort schuldig. Aber, wie bei vielen Dingen in diesem Leben, ist auch bei der Beantwortung dieser Fragen vor allem der Weg das Ziel.
Im Zuge der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit stellt Joan Didion immer wieder Rückblenden in ihre Vergangenheit an. Sie stellt ihr Leben als stark segmentiert dar; eine Aneinanderreihung von für sich selbst stehenden Lebensabschnitten mit jeweils ganz eigenen Wertsetzungen und Regeln, die zum Teil nur wenig miteinander zu tun haben. Als jemand, der grundsätzlich in Systemen denkt, sich in ihnen wohl fühlt und dem präzise Ordnung ein Bedürfnis ist, ist mir dies durchaus vertraut und keineswegs unsympathisch. Die eigentlich entscheidende Frage ist allerdings, was genau stellt die Klammer um all diese Lebensabschnitte dar? Abstrakt gesehen, ist es vermutlich die Essenz der eigenen Persönlichkeit, die mit bestimmten Präferenzen bestimmte (Lebens-)Entscheidungen trifft. Was diese Essenz der Persönlichkeit aber konkret ausmacht, ist eine der am schwierigsten zu beantwortenden Fragen. Es bedarf Mut, diese Frage zu stellen. Diesem Mut mangelt es Joan Didion nicht, und so berührt sie in Blue Nights diese Frage immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln, ohne allerdings die Antwort zu berühren. Eine Antwort zu erwarten wäre jedoch auch vermessen, denn wenn man eine so präzise Denkerin wie Joan Didion ist, immer bemüht um einen ganzheitlichen Gegencheck mit Intuition & Emotion, dann ist die Beantwortung dieser Frage eine Lebensaufgabe, die – wenn überhaupt – nur ganz am Ende des Lebens gelingen kann.
Das Buch stellt die Ordnung und die Einordnung offener Lebensfragen in den Vordergrund, nicht ihre Beantwortung. Die Art und Weise, in der Joan Didion dies angeht, ist genauso authentisch wie schonungslos und dennoch sensibel. Es ist erfrischend – und wie ich finde auch beruhigend – wenn jemand den Intellekt hat, die essentiellen Lebensfragen zu stellen und den Mut und die Stärke beweist, nicht die Augen vor den weniger schönen Fakten des Lebens zu verschließen. Joan Didion ist so jemand und ich bin ihr mehr als dankbar, dass sie uns mit Blue Nights daran teilhaben lässt.
Osterfeiertage – freie Zeit!
Herrlich ... wär‘ da nicht eine Kleinigkeit:
Familie und Freunde haben sich angesagt
und nach dem Ostermahl gefragt.
Ich mag sie alle wirklich sehr
und für sie kochen noch viel mehr,
mindestens 3 Gänge plant‘ ich in der Tat:
Raffiniert, gesund und delikat.
Um die Umwelt und das Tier zu schützen,
sagt die Familie würd‘ es nützen,
dem Fleisch den Rücken zuzukehren,
sich also vegetarisch zu ernähren.