Der Glückliche

Jeden neuen Morgen
Freut er sich erneut
Macht sich niemals über andere Sorgen
Hat noch niemals irgendwas bereut

Genießt sein eignes Leben
Und sich selbst an Stelle eins
Im Herzen hat es immer nur ihn selbst gegeben
Nur ein Wohl, das für ihn zählt – und das ist seins

Als durchaus attraktiver Mensch von and‘ren wahrgenommen
Stets freundlich auf den ersten Blick
In Wahrheit ist es nie zu Freundschaften gekommen
Nur nützliche Statisten, die es in seinem Leben gibt

Interessiert

Die Neugier mit der Offenheit liiert
Empfangsfunktion der Sinne aktiviert
Wahrnehmen, was in der Welt passiert
Erweiterung des Horizonts freudig anvisiert
Manches persönlich ausprobiert
Gelegentlich von Dingen fasziniert
Andere Dinge nur mit Mühe toleriert
Vor allem niemals irgendetwas ignoriert
Erfahrungen dazu addiert
Und neue Einsicht formuliert
Manchen Standpunkt nachjustiert
Zu weilen neue Seiten bei sich selbst identifiziert 
Sich phasenweise ganz neu definiert

Verderben

Im März vor einem Jahr
Als er sie bei einem Abendessen sah
War eine erste kleine Flamme da
Knisternd, prickelnd und bezaubernd unwägbar

SIE! So fragil, so pur und von elegantester Gestalt
Ihr Charisma dem Körper und dem Geist in gleichem Maße galt
Sie hatte sich in seine Gedanken eingeschlichen
Die seit diesem Abend nicht mehr von ihr wichen

ER: Ein Lebe lang kühl und unnahbar
Souverän bis arrogant nahm man ihn wahr
Konnte seine Gedanken nun nicht mehr bezwingen
Die sich mit drängender Macht alle in ihr verfingen

Im Park

Schnelllebig und hektisch ist diese Zeit
Sich in ihr zu behaupten ist keine Kleinigkeit
Überlebenskämpfe – eitel und rücksichtslos geführt
Wo man auch hinschaut, berechnende Härte ist’s, die regiert
Immer auf der Hut – stets zur Verteidigung bereit
Das Leben von Vertrauen und Frieden befreit
Und in Mitten all’ dessen sitzt sie im Park auf einer Bank

Symmetrie

Mein Auge kann nicht ohne sie
Entspannt den Geist mit ihrer Ausgleichsstrategie
Balance als Grundsatz-Philosophie
Ästhetisches Erfolgsrezept mit Gelingens-Garantie
Eine ganz spezielle Ordnungskategorie
Verleiht Architektur ganz besondere Magie
Manche Menschen aber langweilt sie
Vermissen disruptive Elemente in der Symmetrie
Mögen das Formale nicht, identifizieren vermeintlich Monotonie
Mich langweilt sie dagegen nie
Ihre Ausgewogenheit ist voll von Energie

Abgrund

Hier nun steht er mitten in diesem Leben
Ist von vielen Menschen Tag um Tag umgeben
Leidet weder Hunger noch fehlt es ihm an anderen Dingen
Versucht pflichtbewusst, dem Gesicht ein Lächeln aufzuzwingen
Auf der Karriereleiter oben, beruflich hoch geachtet
Wird mit Ehrfurcht allzu oft betrachtet
Sollte selbstbewusst und sehr zufrieden sein
Entspannt und seiner Umwelt Glück verleihen

Doch ihm ist kalt, eiskalt
Findet in sich selber keinen Halt
Spürt, wie er rutscht, unaufhaltsam – jeden Tag ein Stückchen mehr
Sieht den Abgrund vor sich: bodenlos und leer
Klammert sich mit aller Kraft am Alltag fest
Hofft dass ihn nicht die Kraft verlässt
Ausweglos, das ist ihm vollkommen klar
Weiß nicht was tun, ist vor Panik starr

Herbst

Kornfelder biegen sich im Wind
Buntes Laub fegt durch die Luft
Weiße Wolken am Himmel zieh’n geschwind
Überall des Herbstes saurer, trockner Duft
Und über allem strahlt die gold’ne Sonne

Kraft liegt in dieser Jahreszeit
Mit ihren reichen Erntegaben
Doch auch ein Hauch Vergänglichkeit
Mischt sich zu prachtvoll, bunten Farben
Deren Intensität ist wahre Wonne

Das Gerücht

„Das Gerücht“ von A. Paul Weber

Dieses Bild von A. Paul Weber aus dem Jahr 1943 hat an Aktualität auch heute nicht das Geringste eingebüßt! Ich bezweifle, dass man den Begriff „Gerücht“ besser verbildlichen kann, als A. Paul Weber es hier getan hat.

Schon der Schriftsteller Arno Schmidt bezeichnete es als „die beste Allegorie seit Leonardo da Vinci“.

Im A. Paul Weber Museum in Ratzeburg wird das Bild wie folgt kommentiert:

Elefanten

Sie sind groß und sie sind schwer
Trampeln alles nieder um sie her
Sind dickhäutig auf die Welt gekommen
Werden als majestätisch wahrgenommen

So imposant sie auch erscheinen
Ihr Äußeres der Grazie entbehrt
Mit ihren kräftigen, stampfenden Beinen
Im Porzellanladen absolut verkehrt

Sie leben gemeinsam – in Herden vereint
Können für Dritte durchaus gefährlich sein
Ihr Miteinander jedoch voll Fürsorge erscheint 
Die Schwächeren schützend stehen sie füreinander ein

Standpunkt

Nun steh’ ich hier an diesem Punkt und es ist keine Zauberei
Verschlungen war der Pfad hierher 
Jede Windung gab den Blick auf neue Argumente frei
Und brachte mich dem Standpunkt etwas näher
Liebliche Pros von reißenden Contras durchzogen
Einige manchmal seichter als von Ferne gedacht
Pros, deren Höhe und Größe die der Contras überwogen
Haben den Stand an diesem Punkt hier ausgemacht