Der Glückliche

Jeden neuen Morgen
Freut er sich erneut
Macht sich niemals über andere Sorgen
Hat noch niemals irgendwas bereut

Genießt sein eignes Leben
Und sich selbst an Stelle eins
Im Herzen hat es immer nur ihn selbst gegeben
Nur ein Wohl, das für ihn zählt – und das ist seins

Als durchaus attraktiver Mensch von and‘ren wahrgenommen
Stets freundlich auf den ersten Blick
In Wahrheit ist es nie zu Freundschaften gekommen
Nur nützliche Statisten, die es in seinem Leben gibt 

Hat anderen jedoch niemals etwas vorgemacht
Man kann ihm keinen Vorwurf machen
Begeistert hat er stets sein gutes Aussehen überwacht
Glücklich, sich selbst im Spiegel anzulachen

Von anderen etwas verlangt, das hat er nie
Doch die Menschen verdorrten in seiner Nähe
An Aufmerksamkeitsmangel litten sie
Zu sehr von sich eingenommen, als dass er dieses sähe

Er ist ehrlich und kein schlechter Typ
Hat Familie, Kinder und eine Frau
Doch nicht in sie, nur in sich selbst ist er verliebt
Sie: nur ein weiterer Statist in seinem Lebensbau

So sehr hat er sich selbst geliebt
Dass ihm im Februar keine Wahl geblieben:
Da es in seinem Leben nur eine wahre Liebe gibt
Hat er den Valentinsgruss schlicht an sich selbst geschrieben

Als ihn seine eig’ne Karte dann erreichte, er keine Zeit verlor
Öffnete den Umschlag – vor Rührung, es ihm Tränen in die Augen trieb
Las‘ seiner Frau dann glücklich mehrmals vor
Welch‘ liebevolle Botschaft er an sich selber schrieb

© 2021 Joanna Watson Stein

Photo by Lisa on Pexels.com

Interessiert

Die Neugier mit der Offenheit liiert
Empfangsfunktion der Sinne aktiviert
Wahrnehmen, was in der Welt passiert
Erweiterung des Horizonts freudig anvisiert
Manches persönlich ausprobiert
Gelegentlich von Dingen fasziniert
Andere Dinge nur mit Mühe toleriert
Vor allem niemals irgendetwas ignoriert
Erfahrungen dazu addiert
Und neue Einsicht formuliert
Manchen Standpunkt nachjustiert
Zu weilen neue Seiten bei sich selbst identifiziert
Sich phasenweise ganz neu definiert
Stetig Energie in das Verstehen investiert
Noch mehr Energie durch die Erkenntnis generiert
Auch wenn Interesse das Glück nicht garantiert
So wird doch die Lebenslust vitalisiert
Und die Gedanken liberalisiert
Es ist jede Mühe wert – ich bleibe interessiert!

© 2021 Joanna Watson Stein

Verderben

Im März vor einem Jahr
Als er sie bei einer Einladung zum Abendessen sah
War eine erste kleine Flamme da
Knisternd, prickelnd und bezaubernd unwägbar

SIE! So fragil, so pur und von elegantester Gestalt
Ihr Charisma dem Körper und dem Geist in gleichem Maße galt
Sie hatte sich in seine Gedanken eingeschlichen
Die seit diesem Abend nicht mehr von ihr wichen

ER: Ein Lebe lang kühl und unnahbar
Souverän bis arrogant nahm man ihn wahr
Konnte seine Gedanken nun nicht mehr bezwingen
Die sich alle mit drängender Macht in ihr verfingen

Er rief sie an – man traf sich Abends in einer Bar
Seine Sinne sofort im Chaos als er sie sah
Süße Erwartung gepaart mit Lust und Leidenschaft
Mit gewaltbereiter Sanftheit und zärtlicher Kraft

Humorvoll doch unbedeutend war die Konversation
Sie blieb distanziert – signalisierte ihr mangelndes Interesse schon
Die gewohnte Kühle war verflossen, bis in die Haarspitzen war er elektrisiert
Seine exzellenten Manieren durch zu viel Gefühl gänzlich blockiert

Er musste sich zwingen, ihre Hände nicht zu berühren
Das Gespräch mit souveräner Fassade weiter zu führen
Doch je mehr er spürte, wie er an Boden bei ihr verlor
Desto drängender kam sein Verlangen hervor

Mit dem, was verblieben vom klaren Blick
Gewann er einen Rest Selbstkontrolle zurück
Beendet war das Treffen – die Wege trennten sich
Allein seine Gedanken lösten sich von ihr nicht

Konnte nicht mehr schlafen, vergaß zu Essen
Alles kreiste um sie – war wie besessen
Vernachlässigte Beruf, Familie und sich selbst
Die Folge, wenn Du der Begierde vollends verfällst

Die kühle Unnahbarkeit hatte ihn verlassen
Er konnte seine Unbeherrschtheit selbst kaum fassen
Versuchte unzählige Male sie zu kontaktieren
Hoffte, sie würde irgendwann reagieren

Die Selbstachtung war verloren gegangen
Unbemerkt, zu beschäftigt war er mit dem Bangen
Um ein Nanogramm Aufmerksamkeit von ihr
War bereit, alles aufzugeben dafür

Von ihr kein Zeichen – nur wenige Worte allein der Höflichkeit geschuldet
Er sah wie sie seine Kontaktversuche nur mit Desinteresse duldet
War verzweifelt, Körper und Seele schmerzten vor Verlangen
Fühlte sich klein wie nie zuvor, in Aussichtslosigkeit gefangen

Alles hatte er verloren an die Begierde
Seine Souveränität und seine Würde
Hatte erstmals sein nacktes Selbst erblickt
Und fand doch zu sich selbst nicht mehr zurück

Unmöglich schien es, das Verlangen los zulassen
Doch nur so kann seine Wirkung je verblassen
Nur so für ihn die Chance, sich auf den langen, beschwerlichen Weg zu machen
Eines Morgens wieder im Einklang mit sich selber aufzuwachen

© 2021 Joanna Watson Stein

Photo by cottonbro on Pexels.com

Im Park

Schnelllebig und hektisch ist diese Zeit
Sich in ihr zu behaupten ist keine Kleinigkeit
Überlebenskämpfe – eitel und rücksichtslos geführt
Wo man auch hinschaut, berechnende Härte ist’s, die regiert
Immer auf der Hut – stets zur Verteidigung bereit
Das Leben von Vertrauen und Frieden befreit
Und in Mitten all’ dessen sitzt sie im Park auf einer Bank
Neben ihr ein alter Herr – ängstlich, gebrechlich und krank
Ihr Blick so voller Wärme und erfüllt von Freundlichkeit
Voller Achtung und gänzlich frei von entwürdigendem Mitleid
Das ihn seine Einsamkeit nur umso stärker spüren ließe
Genau wie den Verlust an Kraft und Lebensperspektive
Sie wird ihn nie mit mitleidsvollen Worten quälen
Gibt ihm statt dessen Raum, von seinem Leben zu erzählen
Lenkt seine Gedanken einfühlsam zu den Bereichen
Die ihm zur Zufriedenheit und einem Hauch von Stolz gereichen
Bis ein Lächeln dann sein furchiges Gesicht umspielt
Während sie behutsam seine Hand in ihrer hielt
Ihre ruhigen Augen – ihm zugewandt – strahlen mit reiner Heiterkeit
Sie erwartet nichts, ist einfach nur zu geben bereit
Ihre Sanftmut weckt die Seele und lindert deren Qualen
Fordert nichts und lässt verlorenes Vertrauen neu erstrahlen
Sie weicht nicht vor Schwäche und nicht vor Rücksichtslosigkeit zurück
Sie verleiht mit ihrer Sanftmut eine Ahnung von vergessenem Glück!

© 2021 Joanna Watson Stein

Photo by Dariusz Staniszewski on Pexels.com

Symmetrie

Mein Auge kann nicht ohne sie
Entspannt den Geist mit ihrer Ausgleichsstrategie
Balance als Grundsatz-Philosophie
Ästhetisches Konzept mit Gelingens-Garantie
Eine ganz spezielle Ordnungskategorie
Verleiht Architektur ganz besondere Magie
Manche Menschen aber langweilt sie
Vermissen disruptive Elemente in der Symmetrie
Mögen das Formale nicht und empfinden sie
als ultimative Monotonie
Mich langweilt sie dagegen nie
Ihre Ausgewogenheit ist voll von Energie
Ihre Ruhe bietet Raum für Phantasie
Betörend ist die kompromisslos klare Harmonie
Fehlerlose Schönheit statt Makeltheorie
Bestechend mit ihrer Einseitigkeitsphobie
Ja, ich mag sie irgendwie
Die zauberhafte, pure Symmetrie

© 2021 Joanna Watson Stein

Abgrund

Hier nun steht er mitten in diesem Leben
Ist von vielen Menschen Tag um Tag umgeben
Leidet weder Hunger noch fehlt es ihm an anderen Dingen
Versucht pflichtbewusst, dem Gesicht ein Lächeln aufzuzwingen
Auf der Karriereleiter oben, beruflich hoch geachtet
Wird mit Ehrfurcht allzu oft betrachtet
Sollte selbstbewusst und sehr zufrieden sein
Entspannt und seiner Umwelt Glück verleihen

Doch ihm ist kalt, eiskalt
Findet in sich selber keinen Halt
Spürt, wie er rutscht, unaufhaltsam – jeden Tag ein Stückchen mehr
Sieht den Abgrund vor sich: bodenlos und leer
Klammert sich mit aller Kraft am Alltag fest
Hofft dass ihn nicht die Kraft verlässt
Ausweglos, das ist ihm vollkommen klar
Weiß nicht was tun, ist vor Panik starr

Kann keine Hilfe von irgend jemandem erwarten
Denn niemand würde im entferntesten erraten
Was sich direkt vor seinen Augen abspielt
Weil seine Fassade jedem Blick noch immer standhielt
Er ist hier also absolut allein
Könnte mutloser nicht sein
Die kleinste Bewegung in die falsche Richtung
Wäre unvermeidlich die Vernichtung

Ist vor Angst gelähmt 
Und über diese Angst beschämt
Eine unzerstörbar feste Mauer ist aus ihr entstanden
Schon als er noch fest am Abgrundrand gestanden
Damals als hübsche Einfriedung erschienen
Um dem Balanceerhalt zu dienen
Trennt sie ihn nun von der Balance des Lebens
Jeder Versuch, sie zu zerstören ist vergebens

Spürt, wie seine Kräfte schwinden
Und seine Hände keinen Halt mehr finden
Muss nun der Angst die Hände reichen
Aufhören vor ihr zurück zu weichen
Muss‘ los lassen, demütig und zugleich mutig sein
Sich fallen lassen in die Angst und in die Leere tief hinein
Was ihn erwartet weiß er nicht
Doch weiß er, es gibt nur diesen Weg ins Licht!

© 2021 Joanna Watson Stein

Photo by Alex Azabache on Pexels.com

Herbst

Kornfelder biegen sich im Wind,
buntes Laub fegt durch die Luft,
weiße Wolken am Himmel zieh’n geschwind,
überall des Herbstes saurer, trockner Duft
und über allem strahlt die gold’ne Sonne.

Kraft liegt in dieser Jahreszeit
mit ihren reichen Erntegaben!
Doch auch ein Hauch Vergänglichkeit
mischt sich zu prachtvoll, bunten Farben.
Sie anzuschauen, ist wahre Wonne!

Es zieht mich raus in die Natur:
Gegen den Wind zu laufen, über Felder, Wiesen, Moos …
Großartig ist es: Vergnügen pur!
Das Gefühl der Freiheit: grenzenlos!
Ein Leben voller ungeahnter Möglichkeiten!

Der Herbst krönt den Sommer durch seine Pracht,
zugleich bringt er des Winters kalte Botschaft.
Die Elemente zu voller Kraft entfacht
und der Natur ihr schönstes Kleid verschafft:
Herbst: Königlichste aller Jahreszeiten!

© 2021 Joanna Watson Stein

Das Gerücht

„Das Gerücht“ von A. Paul Weber

Dieses Bild von A. Paul Weber aus dem Jahr 1943 hat an Aktualität auch heute nicht das Geringste eingebüßt! Ich bezweifle, dass man den Begriff „Gerücht“ besser verbildlichen kann, als A. Paul Weber es hier getan hat.

Schon der Schriftsteller Arno Schmidt bezeichnete es als „die beste Allegorie seit Leonardo da Vinci„.

Im A. Paul Weber Museum in Ratzeburg wird das Bild wie folgt kommentiert:

Meisterhaft ist hier die Umsetzung eines abstrakten Begriffes in eine dingliche Form gelungen. Zugleich prangerte Weber in diesem 1943 gezeichneten und später mehrfach lithographierten Blatt bereits die monstrengebärende, unmenschlich monotone Architektur der modernen Großstädte an, aus deren Fensterlöchern die Gestalten dem Gerücht zuströmen und ihm immer neue Nahrung geben. Weber spielte in den Details der schlangenartigen Figur auf zahlreiche „geflügelte Worte“ oder Redewendungen an, die wir im Zusammenhang mit diesem Thema benutzen: Der Schlangenleib – Symbol der Falschheit – ist besetzt mit Augen und Zungen, der Kopf hat große, spitze Lauscher, mit denen das Gerücht „die Ohren spitzt“ und „etwas spitzkriegen“ kann, dicke Brillengläser, durch die es alles genauestens zu sehen glaubt und doch alles nur verzerrt wahrnimmt, eine große „Klappe“ mit „spitzer“ Zunge und einen langen „Riecher“, den es „in alles steckt“.

https://www.weber-museum.de/werk/gesellschaftskritik.html

Zu ergänzen wäre hier vielleicht noch, dass Gerüchte es ja bekanntlich an sich haben, dass sie sich um kleine Fragmente von Wahrheiten herum ranken und durch das Hinzufügen weiterer angenommener oder als wahrscheinlich erachteter Details, die mit den wahren Tatsachen jedoch in keinerlei Verbindung mehr stehen, in kürzester Zeit zu immer größeren und abenteuerlicheren Geschichten werden. Auch dieses exponentielle Wachstum eines Gerüchts zeigt A. Paul Webers Zeichnung auf das Vortrefflichste.

Gerüchten ist es zudem zu eigen, dass sie für denjenigen oder dasjenige, um den oder das sie sich ranken, selten positiv sind. Dieser bösartigen Grundströmung von Gerüchten wird mit dem Gesichtsausdruck des „Gerüchtswesens“ in perfekter Weise Rechnung getragen.

Ein in vielfacher Hinsicht beeindruckendes Bild!

Elefanten

Sie sind groß und sie sind schwer
Trampeln alles nieder um sie her
Sind dickhäutig auf die Welt gekommen
Werden als majestätisch wahrgenommen

So imposant sie auch erscheinen
Ihr Äußeres der Grazie entbehrt
Mit ihren kräftigen, stampfenden Beinen
Im Porzellanladen absolut verkehrt

Sie leben gemeinsam – in Herden vereint
Können für Dritte durchaus gefährlich sein
Ihr Miteinander jedoch voll Fürsorge erscheint 
Die Schwächeren schützend stehen sie füreinander ein 

Wer diese massigen, plumpen Tiere sieht
Könnte nicht erstaunter sein
Mit welcher Zartheit ihr Rüssel die eigene Hand berührt
So sanft, als sei es ein Federlein

Wenn man in ihre braunen Augen schaut
Blickt einem Gutmütigkeit entgegen
Wohlwollend dem Gegenüber vertraut
Die Tiefe der Zuneigung kann sehr bewegen

Elefanten sind ganz besondere Tiere
Es bricht mir das Herz, dass man sie so achtlos dezimiert
Stück für Stück zerstört man die Reviere
Der Stoßzähne wegen werden sie grausam massakriert

So groß – so stark und dennoch so fragil
Gegen die Gier der Menschen ohne jede Chance
Bei List und Waffen hilft ihnen die Kraft nicht viel
Machtlos zu zu sehen, raubt mir die Contenance

Die ganze Wahrheit aber ist noch schlimmer
Der Menschen Macht- und Habgier kennt tatsächlich keine Grenzen
Ist im Begriff die Natur in Gänze zu zerstören – gründlich und für immer
Offenen Auges und im Angesicht der Konsequenzen

© 2021 Joanna Watson Stein

Photo by Pixabay on Pexels.com

Standpunkt

Nun steh’ ich hier an diesem Punkt und es ist keine Zauberei
Verschlungen war der Pfad hierher 
Jede Windung gab den Blick auf neue Argumente frei
Und brachte mich dem Standpunkt etwas näher
Liebliche Pros von reißenden Contras durchzogen
Einige manchmal seichter als von Ferne gedacht
Pros, deren Höhe und Größe die der Contras überwogen
Haben den Stand an diesem Punkt hier ausgemacht

Hab‘ die Solidität dieses Punktes hinterfragt
Seine Statik und seine Perspektive gut verprobt
Daneben ein gefährlich bröckelnder Felsen in die Höhe ragt
Dahinter Wüste, in der der Sandsturm tobt
Doch genau an diesem Punkt, an dem ich jetzt stehe
Ist es klar und sicher, der Boden tragfähig und fest
Belebendes Wasser ganz in der Nähe
Freie Landschaft vor mir, die den Blick in die Weite entlässt

Nur ein kleines Stückchen weiter hinten oder seitlich
Und die Position wäre gefährlich bis fatal
Hier aber wird gar eine Perspektive deutlich
Dieser Standpunkt war keine schlechte Wahl
Allerdings lädt er zum müßigen Verweilen ein
Doch wird er nicht entwickelt mit Weitblick und mit Offenheit
Wird der Müßiggang mit Engstirnigkeit zu bezahlen sein
Selbst der beste Standpunkt ist nicht vor Verwitterung gefeit

 © 2021 Joanna Watson Stein