Gegenentwurf

Aller Orten kann man hören oder lesen,
das Leben sei zu aufwühlend gewesen,
man suche nach Entspannung und nach Frieden,
habe sich für Meditation und Ruhe nun entschieden.

In zu kurzer Zeit sich auf zu viele Dinge einzustellen,
sei eine der wesentlichen Quellen
für Stress und Überforderung,
die Geißel der Bevölkerung.

Zwar kann ich theoretisch das verstehen,
doch fremd ist mir dies Problem!
Dieser sogenannte Stress ist mir
Herausforderung und Lebenselixier.

Langsamkeit ist’s was mich stresst,
Einfältigkeit gibt mir den Rest,
leide notorisch an Unterforderung,
suche das Leben mit Beunruhigung.

Lasst’ mich mit Entspannung bloß in Ruh’,
gesteht mir Freude an der Hektik zu!
Beim Leben mit 300 km/h
entspann’ ich mich und fühl’ mich wunderbar!

 © 2021 Joanna Watson Stein

Der Morgen danach

Das erste morgendliche Sommerlicht
streift sanft und prickelnd über mein Gesicht.
Ich wache auf und blinzle in den Morgen
und sehe ihn: Schlafend, ohne Sorgen.
Die Erinnerung an letzte Nacht,
an die Umarmung: feurig, zugleich ganz sacht,
erscheint mir unwirklich, doch wunderbar!
Ist, was geschehen ist, wirklich wahr?
Hab’ ich’s gewollt und was will ich jetzt?
Hat sich Zweifel gegen Wonne durchgesetzt?
Er dreht sich um – lächelt mich an,
so dass ich nur noch vertrauen, nicht mehr zweifeln kann.
Gemeinsam werden wir ganz wach
und mir wird klar: Es ist der Morgen DAVOR, nicht der danach:
Vor einem Leben in innigster Zweisamkeit,
ohne Misstrauen, Groll und Unehrlichkeit!
Inzwischen erwärmt die Sonne das ganze Zimmer
und ich weiß: Diese Erinnerung bleibt für immer!

 © 2021 Joanna Watson Stein

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Upgrade

In der Holzklasse geboren,
hatte er sich gleich geschworen,
Fleiß und Mühe zu verwenden,
um in was Besserem zu enden.

So plagte er sich viele Jahr’,
bis er am Ende auch erfolgreich war:
In Händen hielt er schließlich das
Lebensticket “Business Class”.

Mit diesem Ticket passierte er dann
den Security Check als gemachter Mann
und gelangte in des Lebens Sicherheitsbereich,
mit Wohlstand und Erfolg – alles fiel ihm leicht.

Aus den Wegweisern wurd‘ er zwar nicht klug,
doch fand er bald das Gate für seinen Lebensflug.
Zufrieden dachte er darüber nach,
welch Komfort die Business Class versprach.

Wie zumeist in diesem Leben,
wird Gutes unverhofft gegeben:
Überraschend wurde er zum Gate gerufen,
ihn in des Lebens First Class hoch zu stufen.

Als einer der ersten wurd’ er nun gebeten,
die luxuriöse First Class zu betreten.
Ein herrlich sorgenfreies Leben vor ihm lag,
mehr als er je zu hoffen hat gewagt!

Doch an des Fluges Ende wurde ihm klar,
dass allen Klassen eines doch gemeinsam war:
Der Flug endet für alle mit der Landung,
auch für die First Class gibt es da keine Sonderbehandlung.

© 2021 Joanna Watson Stein

Goethes Faust I: 1000 Dank an das Anna-Funk-Ensemble!

Gestern Morgen fragte mich ein Freund, ob ich nicht kurzfristig am Abend mit in den Englischen Garten kommen wolle – dort werde Faust der Tragödie erster Teil aufgeführt. Nun zählte Faust eher nicht zu meinen Favoriten, was Literatur anbelangt, aber da ich besagten Freund schon länger nicht gesehen hatte und es laut Wetter-App ein akzeptabler Sommerabend zu werden versprach, sagte ich zu. Abends fand ich mich dann also pünktlich um 20:00 Uhr im Amphitheater im Englischen Garten wieder. Ich kann nur sagen, es wurde nicht nur ein akzeptabler Sommerabend, es wurde ein großartiger Sommerabend! Danke für diese Einladung! 

Und ein noch viel größeres DANKE an das Anna-Funk-Ensemble, das diesen Abend zu einem Großartigen machte!!! Eine in jeder Hinsicht grandiose Darbietung! Pur, klar und intensiv: Manchmal ist es ein wahrer Segen, wenn keine aufwändige Theaterkulisse vom eigentlichen Spiel ablenkt. Von diesem intensiven Mephisto, der so mühelos Ernst und Spiel, zerstörerische Boshaftigkeit und kluge Lebensweisheit abbildet, von dem starken Gretchen, das dennoch dem Untergang geweiht ist und im Untergang nicht seine Würde verliert, sondern findet, und von dem an sich selbst so authentisch verzweifelnden Faust (der alte und der junge Faust gleichermaßen) möchte man sich wirklich durch nichts und niemanden ablenken lassen!

Ich habe dem wunderbaren Anna-Funk-Ensemble einen außerordentlich inspirierenden Abend zu verdanken: Obwohl ich Faust schon vor etlichen Jahren (wie wahrscheinlich die meisten) in der Schule zum ersten Mal gelesen hatte, später – nach dem Studium – noch einmal aus Interesse und über die Jahre bestimmt an die 10 verschiedene Faust-Aufführungen besucht hatte, gestern Abend hatte ich das Gefühl, ich höre die Worte zum aller ersten Mal wirklich! Zum ersten Mal erreichte mich ihr Inhalt tatsächlich, zum ersten Mal habe ich den Facettenreichtum von Goethes Worten ehrlich genossen. Und weil dem so ist, werde ich „Faust der Tragödie erster Teil“ nun ein weiteres Mal lesen. Mit Begeisterung! 1000 Dank für diese phantastische Aufführung!!!

Der Scharlatan

Seine Worte immer wohl gesetzt
Sein Auftreten eloquent und souverän 
Die Etikette hat er nie verletzt
Als Gast bei jedem Anlass gern gesehen

Was er gesagt, klang stets vernünftig und plausibel
Nicht nachprüfbar – strategisch weit voraus gedacht
Wirkte intellektuell behänd‘ und sehr flexibel
Weshalb er es beruflich weit gebracht

Er fand sich in diversen Aufsichtsräten wieder
Seine Äußerungen stets relativierend und abstrakt
Woran niemand einen Anstoß nahm, zu souverän kam alles ‘rüber
Zudem ist in solchen Gremien konkreter Rat gar nicht gefragt

Bei allen erdenklichen Gelegenheiten hat er sehr geschickt
Beiläufig jedes Mal sein „fundiertes“ Wissen in den Blick gerückt
Man sah ihn bald als den Experten, der Probleme schnell durchblickt
Und ein Krisenunternehmen mühelos und mit Erfolg saniert

Unversehens war er wenig später schon CEO
Eines Unternehmens mit Hunderten von Mitarbeitern
Dank klarer Fehlentscheidungen durch ihn, brannte es bald lichterloh
Die Sanierung brachte er – ganz mühelos – zum endgültigen Scheitern

Selbstverständlich waren die Berater schuld daran
Viele Millionen hatten sie gekostet, doch ihr Rat sei schlecht gewesen
Er sei es, der gar nichts für das Scheitern kann
Doch „nehme er die Verantwortung“, konnte man in der Presse lesen

Vor allem aber nahm er nun vorzeitig seinen Hut
Und mit dem Hut kam auch die Abfindung von mehreren Millionen
Für die nun arbeitslosen Mitarbeiter stünden die Chancen doch sehr gut
Denn wie sein Beispiel zeige, würd‘ sich gute Arbeit immer lohnen!   

  © 2021 Joanna Watson Stein

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Zeit

Durch Einstein wissen wir definitiv:
Die Zeit ist nicht statisch, sondern relativ!
Sie vergeht mit unterschiedlicher Geschwindigkeit,
doch das war gar keine Neuigkeit:
Alle hatten’s schon erfahren,
die mal an einem Bahnsteig waren,
um dort zu warten auf den Zug.
Kurz zu warten ist schon genug,
um zu verstehen,
dass die Minuten hier langsamer vergehen.
Anders als in anregender Konversation:
Eine Minute ist dort ein Hohn.
Blitzschnell sind 10 davon vergangen
und man hat es nicht ‘mal wahrgenommen.
Für die Lebensjahre gilt das Gleiche:
Ist man jung, vergehen sie eher schleichend.
Dagegen jenseits unserer Lebensmitte
vergehen sie mit schnellem Schritte.
Zugegebenermaßen hatten wir
eine mathematische Formel nicht dafür.
Auch hat Einstein möglicherweise einen leicht anderen Aspekt
der Relativität der Zeit entdeckt,
doch ändert das gar nichts an dem Tatbestand,
dass wir die Relativität der Zeit schon immer haben gekannt!

© 2021 Joanna Watson Stein

Freiheit

Man sagt, dass wir in Freiheit leben,
Demokratie hat diesen Luxus uns gegeben.
Können gehen, wohin wir wollen,
niemand sagt uns, was wir denken sollen.

Können frei entscheiden, wen wir lieben,
Lebensumstände wieder verschieben,
soweit Qualifikationen dazu nicht fehlen, 
kann jeder den Beruf frei wählen.

Tausend Möglichkeiten werden geboten,
individuell das Leben auszuloten,
sich Meinungen zu bilden, wie’s einem beliebt:
Freiheiten, die es andernorts nur selten gibt.

Faktisch ist das alles richtig,
doch ist ein anderer Aspekt noch wichtig,
denn letztlich zeigt es sich,
diese Freiheit ist rein äußerlich. 

Die wahren Grenzen errichtet das Individuum:
Eig’nes Denken ist Grenze der Entfaltung!
Auch wenn das widersinnig scheint:
Jeder ist der eignen Freiheit größter Feind.

Die individuelle Art, in der man denkt,
ist’s, die den Zugang auch beschränkt
zu Möglichkeiten, die man nur entdecken würde,
könnte man springen über der eig’nen Grenzen Hürde.

Abhängig von ihrer Definition
bleibt Freiheit damit Illusion,
eine theoretische Option
mit lebensversüßender Funktion.

© 2021 Joanna Watson Stein

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Unverhofft

Du bist in mein Leben
einfach so hineingetreten:
Hab’ nicht gesucht nach Dir,
war eigentlich gerad’ genug mit mir.

Plötzlich aber warst Du da:
Ein einziges Gespräch – und wir waren uns ganz nah.
Als wär’s schon immer so gewesen,
konnt’ ich Deine Seele lesen.

Die gold’ne Schale vom Regenbogen:
Grenzen haben sich verschoben!
Tausend neue Möglichkeiten
scheint das Leben zu bereiten.

Wir hören nicht auf zu kommunizieren,
uns aneinander auszuprobieren,
die Welt mit anderen Augen anzusehen
und gemeinsam neue Wege zu begehen.

Du bist ein wirklich großes Glück,
brachtest die Neugier mir zurück,
öffnetest mir so manche Tür:
Ich kann nur sagen: Ich danke Dir!

© 2021 Joanna Watson Stein

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Schuldenfrei

Allzu oft sind wir bereit,
Dinge, die wir wirklich lieben,
auf eine unbekannte Zeit
in die Zukunft zu verschieben.

Notwendigkeiten oft prioritär;
Wohlstand anzuhäufen – auch ein Grund dafür.
Oder Kinder großzuziehen und dergleichen mehr:
Erst die Pflicht, später kommt die Kür!

Für irgendwann plant man die Phase,
in der man sorglos und ganz frei,
eintaucht in des Lebens Glücksoase,
als ob das selbstverständlich sei.

Doch wieviel Zeit man wirklich hat,
ist gänzlich ungewiss!
Niemand, der einem sagt,
ob später noch Zeit für die Oase ist.

Sich die Dinge, die einen erfüllen,
für ein ungewisses Später aufzuheben
und sich zunächst in Pflichterfüllung einzuhüllen,
ist eine Hypothek auf’s eigne Leben.

Für diese sind auch Zinsen zu entrichten:
In der Währung “Alter” werden sie bezahlt.
Und für so manch’ erträumte Wunschaussichten
ist man im Später dann zu alt.

Erfüllendes im Hier und Jetzt zu integrieren
steht einem vielleicht nicht immer frei,
aber es ist’s doch wert, es zu probieren,
denn glücklich lebt man schuldenfrei!

© 2021 Joanna Watson Stein

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42

Schon Einstein hat in der Physik
Sich Kopf und Geist zerbrochen
Zu finden die Weltmathematik
Hat sich von Formeln Antworten versprochen

Philosophisch wollten Hegel, Marx und Kant
Erklärungen mit Worten finden
Fanden unterschiedlichste Ansätze interessant
Doch ließen Theorie und Praxis sich nicht verbinden

Auch Literaten haben oft versucht
Den Lebensfragen sich zu nähren
Haben das eigne Scheitern dann verflucht
Konnten Antwort nicht gewähren

Dieselbe Frage – alle wollten mit Erkenntnis glänzen
Wo kommen wir her, wo gehen wir hin?
Wo hat das Universum seine Grenzen?
Was ist generell des Lebens Sinn?

Das ist die Frage aller Fragen hier
Diskutiert so oft und hitzig
Doch dank Douglas Adams wissen wir
Die Antwort ist ganz einfach: 42

© 2021 Joanna Watson Stein