Bequemlichkeit I

Bequemlichkeit, wer kennt sie nicht?
Jeder hat sie, nur das Ausmaß differiert.
Täglich mit ihr konfrontiert:
Omnipräsent, so wie das Licht.

Bequemlichkeit durch viele Namen glänzt
von den Menschen ihr gegeben
in dem unbedingten Streben,
zu verschleiern ihre Existenz.

Manche bezeichnen sie als Rücksicht,
andere als kluge Einlenkung,
strategische Zurückhaltung,
Entsagung oder gar Verzicht.

Zuweilen wird sie auch Toleranz genannt
oder als weise Einsicht tituliert,
die man durch Tat nicht konterkariert:
Sie hat ein vielfältiges Gewand.

Kaum jemand nennt sie je bei ihrem Namen:
Zu beschämend wär’ es zu zugeben,
dass ausschließlich ihretwegen
manche Dinge nicht von der Stelle kamen.

Bequemlichkeit im Denken und bei Tätigkeiten,
eher Regel als die Ausnahme,
erklärt jedoch die Zunahme
von Pfusch und Halbherzigkeiten!

© 2021 Joanna Watson Stein

Ordnung

Vielen Menschen so verhasst,
weil sie nicht in ihr Leben passt:
Beschränkt den kreativen Geist,
wie es immer wieder heißt.

Das aber ist zu kurz gesprungen,
denn Ordnung ist nur dann gelungen,
wenn der Geist zuvor hat ein System erdacht,        
in dem die Ordnung Sinn und Mehrwert schafft.

Schon dies ist durchaus kreativ,
komplex und tatsächlich innovativ!   
Je mehr Geist wir an das System verschwenden,
je besser ist Ordnung dann auch anzuwenden
und wendet man die Ordnung an,
viel schneller geht das Denken und das ganze Leben dann!

Man spart sich Gedanken und auch Zeit
für nutzlose Alltagskleinigkeit,
muss nicht nach verlegten Dingen suchen,
keine vergess’nen Worte mehr verfluchen.
Ergo kann sich der Geist voll auf das Schaffen konzentrieren,
Kreativität wird deshalb besser funktionieren!

Wer glaubt, den Geist durch Ordnung einzuengen,
das Denken in Schubladen einzuzwängen,
der hat in’s System zu wenig investiert,
das Ordnungsraster falsch dimensioniert.
Ordnung und Kreativität befruchten sich,
widersprechen tun sie sich nicht!

© 2021 Joanna Watson Stein

Lebenskunst

Tatsächlich ist es wirklich wahr:
Der Mann mir gegenüber ist schon mehr als 80 Jahr‘!
Ge- und erlebt das lange Leben,
doch sich dem Leben nicht ergeben.
Höhen und Tiefen ohne Furcht durchschritten,
dabei geliebt, genossen und auch gelitten.
Schon in der Jugend voller Ehrgeiz, voller Kraft,
sich interessiert für Kunst und Wissenschaft.
In der Lebensmitte sich dem Erfolg verschrieben,
sich am Leben ge- aber nicht aufgerieben.
Nun hat sich das Alter eingeschlichen,
doch ist die Kraft der Jugend nicht verblichen:
Des Alters Marken zeigt der Körper nur,
im Geist vom Alter keine Spur!
Gesund und frisch, dem Leben zugewandt,
hat er sogar die Liebe neu erkannt.
Nicht viele haben das Glück in späten Jahren
das Leben so intensiv noch zu erfahren.
Möge dies noch lange währen,
möge er uns alle lehren,
dass jedes Alter (anders) schön sein kann:
Auf die Geisteshaltung kommt es an!

© 2021 Joanna Watson Stein

Das Feine

Das Gewürz, das Fakten ein “Geschmäckle” gibt,
das Feine, das sich in die Sätze schiebt,
der Hauch, der zwischen Zeilen sich versteckt,
sind der Sprache großartigster Aspekt.
Diesen filigranen, intellektuellen Ranken
hat Sprache die Bedeutung zu verdanken.
Leise Zwischentöne, die sich in die Sätze schleichen,
können Statements lautstark unterstreichen,
Aussagen in ihr Gegenteil verkehren
oder deren Witz vermehren!
Die Kunst des Ausdrucks mit feinem Zwischenton
erfordert Intellekt und Präzision,
Feingefühl und Empathie,
Leichtigkeit und Fantasie.
Daher wird es wohl nicht jedermann gelingen,
es in dieser Kunst zu Virtuosität zu bringen.
Umso reizvoller aber ist’s,
wenn man solch’ selt'ne, fein gewürzte Texte liest!

© 2021 Joanna Watson Stein
Photo by Robert Schrader on Pexels.com

Phönix

Der Sommer war vorbei gegangen,
ohne dass die Lebensfreude ihn erreichte.
In übergroßer Sehnsucht so gefangen,
dass sein Herz sogar am lauen Sommerabend kalt erbleichte.
Sonnenuntergänge, golden und schön
konnten zwar seine Augen, nicht aber seine Seele sehen.

Die Seele war im Winterschlaf,
das Leben durch Funktionalität entehrt,
für Gefühle keinerlei Bedarf,
der Hoffnung den Zugang zum Herzen verwehrt.
Ein stabiler Zustand war entstanden,
jedoch war keine Zartheit mehr vorhanden.

Mit diesem Dasein arrangiert,
strichen Jahreszeiten schnell vorbei.
Das Leben durch Notwendigkeit regiert,
ob Sommer, Winter: Einerlei.
Doch als er heut‘ den kalten Regen sah,
nahmen nicht nur seine Augen des Sommers Ende wahr!
Die Natur verhüllt in dunklem Grau,
begann sich sein eig’nes Dunkel doch zu lichten:
Er spürte seit Langem wieder ganz genau,
er kann den Blick nach vorne richten!

© 2021 Joanna Watson Stein

Photo by Daniel Mingook Kim on Pexels.com

2 + 2 = 4

So banal, wie das auch klingt,
kaum einem mehr gelingt,
Fakten schlicht anzuerkennen
und nicht gegen sie anzurennen,
stetig gegen sie aufzubegehren
aus Gründen, die jeder Logik doch entbehren.
Man kann nun Vieles ausprobieren,
aber die Schwerkraft wegzudiskutieren
hat noch niemandem genützt.
Der, der’s versucht, sich heut’ auf eine Krücke stützt!
Unbestechlich sind Fakten und Naturgesetze,
gelten für jeden gleich – auch im sozialen Netze .
Zwei Äpfel und zwei Äpfel bleiben vier.
Bestehst Du darauf, es seien fünf, so sag‘ ich dir:
Bei der Verteilung wird es schwer,
denn einer geht aus leer!

© 2021 Joanna Watson Stein

Glück

Ein neuer Tag im Leben,
gesetzte Ziele anzustreben,
Notwendigkeiten einzurichten,
Erfolge zu erleben, zu erfüllen alle Pflichten.
Viel zu tun in wenig Zeit
und doch, bei all der Betriebsamkeit,
bleibt Leere irgendwo.
Trotz aller Freuden, man fragt sich oft: Wieso?
Die Tage gehen so dahin,
angefüllt, doch ohne Sinn.
Die Frage nach der Leere offen:
Weitersuchen und auf Antwort hoffen.
Da seh‘ ich zwischen 1000 Menschen DICH!
Du schaust mich an und siehst auch mich!
Mit schlafwandlerischer Sicherheit gehen wir uns entgegen,
stehen uns gegenüber, ohne uns zu bewegen,
alles um uns versinkt,
während mein Blick von Deinem und Dein Blick von meinem trinkt.
Schließen uns in den Arm
und da ist das Gefühl: Zärtlich, sanft und warm.
Die Antwort auf alle Fragen,
ohne ein Wort zu sagen.
Erfüllt von Ruhe und Unendlichkeit
verliert der Alltag die Bedeutsamkeit.
Du bist mir Weg und Ziel und Heim
und ich will für Dich das Gleiche sein.
Ich spüre, wie Du Dich entspannst,
mein Vertrauen in Dich erwidern kannst.
Verbundenheit und Innigkeit
losgelöst von Raum und Zeit:
Dafür lohnt es sich zu leben!
Nie hätt‘ ich gewagt, nach so viel Glück zu streben!

© 2021 Joanna Watson Stein

Photo by Min An on Pexels.com

Inspiration

Ein eigensinniger Gast, den ich nur allzu gern empfange,
hoffend, er kommt häufig und bleibt recht lange.
Anders als bei anderen Gästen, mit denen wir zu Abend aßen,
und bei denen wir dann gleichermaßen
erfreut waren zu sehen, 
wie sie kommen und auch wieder gehen.
Für die Inspiration stehen meine Türen immer offen,
hör’ nicht auf, auf ihren Besuch zu hoffen!
Leider macht sie sich gern rar!
Ihr Besuch ist nicht verhandelbar:
Je größer die Notwendigkeit,
je kleiner die Wahrscheinlichkeit,
dass sie sich bei Dir blicken lässt,
denn sie legt ausschließlich selber fest,
ob sie kommt oder ob nicht.
Sie beugt sich keiner Pflicht!
Kommt sie überraschend doch vorbei,
hat sie die ganze Entourage dabei:
Kreativität und Energie,
Tatendrang und Phantasie.
Taucht alles in helles, buntes Licht,
neue Ideen entstehen und gewinnen an Gewicht.
Die Lebensgeschwindigkeit verdoppelt sich,
Probleme erscheinen klein und lächerlich.
Sie ist prickelnstes Lebenselixier ...
Wär' schön, sie blieb' für immer hier!

© 2021 Joanna Watson Stein


Worte

Das wunderbare aller Worte: 
Sie können reisen ohne Grenzen und an alle Orte.
Sie transportieren Gedanken grob und fein
zu Menschen ob nah, ob fern, ob groß, ob klein.

Worte: So viele Möglichkeiten!
Können Anstoß, Freud und Leid bereiten,
können Wissen speichern,
Leben retten und bereichern.
Was sind das für Menschen, die Worte zu Floskeln degradieren,
der Worte Würde damit ausradieren,
Worte zeitgeistig entleeren
und so dem Wort den Sinn verwehren?
Der, der klare Wörter nicht benutzt, beraubt das Wort der Existenz,
verwandelt Sprache mit einst ruhiger, glasklarer Essenz
in verklausulierten, nichts sagenden Wörterbrei!
Was denkt sich solch ein Mensch dabei?
Ist es jemand, der Angst vor klaren Worten hat?
Vielleicht weil klares Wort auch schreit nach Tat?
Vielleicht kann er die Macht des Wortes nicht ertragen?
Ist nicht stark genug, Eindeutigkeit zu wagen?
Warum nicht das Spektrum aller Worte mit Respekt benutzen,
statt Bedeutungen zu stutzen?
Worte bestimmen all’ unser Denken,
vernichtete Worte werden es beschränken.
Freuen sollt‘ man sich lieber an den Worten mit ihren Facetten
und des Ausdruck‘s Licht und Schatten damit retten!
Die Freiheit, die sich öffnet durch die Worte,
ist phantastisch und von ganz besonderer Sorte!

© 2021 Joanna Watson Stein

Einfach nur die Wahrheit: Der kleine Erziehungsratgeber von Axel Hacke

Die kluge Alternative zu den zahllosen am Markt erhältlichen Erziehungsratgebern, die sich überwiegend durch die oberlehrerhafte Aneinanderreihung von die Realität verkennenden Allgemeinplätzen auszeichnen. Und durch dogmatische Ernsthaftigkeit. Anders Der kleine Erziehungsberater: Mit schlafwandlerischer Sicherheit werden alle Situationen, die Eltern regelmäßig zur Verzweiflung treiben, herausgegriffen und genauso detailliert wie absolut realitätsnah beschrieben.

Mit „detailliert“ meine ich vor allem die Zwischentöne der jeweiligen Situation. Ja, die Jünger erziehungsberaternaher, dogmatischer Erziehungsansätze oder kinderlose Leser mögen das für Satire halten, meiner Erfahrung nach ist es einfach nur die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit! Tausend Dank Axel Hacke! Nachdem ich mich jahrelang als Komplett-Versagerin in Sachen Mutter fühlte und als absoluter „Outcast“ in der Gemeinde der politisch & erziehungsdogmatisch korrekten, voll veganen und nicht arbeitenden PEKIP-Gruppen-Mütter, deren Kinder bereits mit 2 Jahren brav und friedlich an frühsprachliche Englischkurse gewöhnt wurden, fühlte ich mich nach der Lektüre dieses Buches ENDLICH verstanden. Ich habe selten so gelacht – vor allem habe ich seit langem überhaupt mal wieder gelacht.  

Natürlich kann Der kleine Erziehungsberater die Erziehungsprobleme nicht lösen. Will er auch nicht. Aber er lindert sie doch: Geteiltes Leid ist eben halbes Leid, besonders wenn es in diesem wunderbar humorvollen, leicht sarkastischen Gewand daher kommt!

© 2021 Joanna Watson Stein

Rezension auch auf LovelyBooks.de veröffentlicht:
https://www.lovelybooks.de/autor/Axel-Hacke/Der-kleine-Erziehungsberater-63607455-w/