Winterwunsch

Hätt‘ ich einen Wunsch jetzt frei,
dann wünschte ich dieses mir herbei:
An einem abgelegenen Strand im Morgengrauen
dem Sonnenaufgang zuzuschauen.
In Ruhe dabei zu lauschen
dem sanften Meeresrauschen.
Hineinzugleiten ins türkisene Meer:
Kühl, klar und rein rings umher.
Dann erfrischt dem Meer entstiegen,
eine Weile noch am Strand zu liegen,
sich auf das Glück zu leben zu besinnen,
um dann den Tag mit Frühstück zu beginnen!

© 2021 Joanna Watson Stein

Licht

Auf Rampen kann man ihm nicht entgehen
In Tunneln kann man es nur am Ende sehen
Es nimmt täglich mit der Sonne seinen Lauf
Und manchmal geht es auch jemandem auf 

Von sanft über schillernd bis grell
Kennt es alle Facetten von hell
Besiegt die Nacht verlässlich jeden Morgen
Und trägt den Regenbogen in sich verborgen 

Energie und Lebensfreude bringt das Licht
Schweres verliert in ihm das Gewicht
Lädt ein,  Ängste und Sorgen zu ignorieren
Um auf den Sonnenstrahlen zu balancieren

Herrlich: Es liebkost mit aller Sanftheit mein Gesicht
Weckt ein Lächeln und ein Gefühl von Zuversicht
Überstrahlt was irgendwann problematisch schien
Wunderbarer Moment, für den ich dankbar bin!

© 2021 Joanna Watson Stein

Advent

Advent, Advent ein Lichtlein brennt:
Besinnlichkeit und Nächstenliebe
sei dem Advent doch immanent,
so dachte ich naiver Weise – Kerzenschein und Friede.

Doch weit gefehlt: Statt Besinnlichkeit
macht sich der Weihnachtsterror breit.
Vom Ehrgeiz gestählte Gesichter: 
Wer verschenkt die schönsten Lichter?
Wer hat am meisten selbst gemacht?
Wer hat sich besonders nette Dinge ausgedacht?
Noch ein Kalender für den Lehrer, wär‘ das nicht fein?
Und noch eine Gabe für den Trainer im Verein,
noch ein Päckchen für die „Hilfe in Timbuktistan“
und ein Kränzlein für die Horterzieher fertigen wir auch noch an.

Die Weihnachtsterroristen treten zuverlässig auf den Plan,
sobald Advent und Weihnachtstage nah‘n.
Wer sind sie und wo kommen sie her?
Was wollen sie und warum machen sie den Advent so schwer?

Meist sind sie weiblich und im mittleren Alter,
arbeiten kaum, sind Familienverwalter.
Natürlich bestens organisiert,
in der Regel sehr gut situiert,
politisch und menschlich absolut korrekt,
ihr Benehmen grundsätzlich perfekt.
Rotten sich zusammen an verschiedensten Stationen,
infiltrieren als Elternsprecher sämtliche Institutionen.
Sprechen von Mildtätigkeit und von Geschenken – wär‘ das nicht nett? 
Niemand wagt da Widerspruch – der soziale Druck ist schon komplett.
Der Zwang zu schenken etabliert,
die Freude am Schenken von Herzen restlos eliminiert.

Sinnloseste Geschenke werden ohne jegliches Gefühl
gestresst erworben im vorweihnachtlichen Gewühl
oder auf die Schnelle hergestellt,
egal, ob’s dem Beschenkten überhaupt gefällt.
Dieser muss dann Freude heucheln – so tun als wäre er gerührt,
doch ein Blick in seine Augen und schon ist er überführt!
Die sechste Kerze, der achte Tee,
eine Bastelei, so schlecht, es tut fast weh‘!
Und die Gabe für Timbuktistan 
kam auch niemals bei den Kindern an!
Aber egal, denn des Schenkers kleines Gewissen 
ist ja beruhigt – von der eig’nen Großzügigkeit ganz hingerissen.

Wo ist die Besinnlichkeit? Wo ist der Frieden?
Wo ist das Elixier der Weihnachtszeit geblieben?
Wärme, Ehrlichkeit und Taten, die von Herzen kommen,
dann wär’s vielleicht zurück gewonnen.
Vielleicht hilft ein SEK, das Weihnachtsterror rechtzeitig erkennt?
Dennoch: Es lebe der Advent!

© 2021 Joanna Watson Stein

Gastnehmer

Eine Einladung von Freunden – sie ließen eine Feier steigen
In ihrem schönen Haus am See
Gern könnt‘ ich das ganze Wochenende bleiben
Könnt‘ die Ruhe dort genießen bis ich wieder geh’

Kaum angekommen, kam jedoch die Frage
Ob ich bei der Vorbereitung helfen kann
Versteht sich, dass ich da nicht Nein zu sagen wage
Und so fing ich mit dem Zubereiten der Salate an

Dabei lenkte der Gastgeber bald die Konversation
Auf meine handwerklichen Fähigkeiten
Es gäb’ gar keinen Schreiner in der Region …
Prompt machte ich diverse Reparaturarbeiten

Abends stieg das Fest – gefeiert wurd‘ bis in den Morgen
Tags drauf fand ich mich beim Aufräumen wieder
Dann brach man noch auf, um eine neue Lampe zu besorgen
Sehnsüchtig sah ich zu den leeren Liegestühlen am See hinüber

Als sich auch dieser Tag dem Ende neigte, sah man freundlich zu mir her
Könnt‘ ich nicht kurz die neu erstand‘ne Lampe noch installieren?
Ja, ich gebe zu, es fiel mir ausgesprochen schwer
Die Contenance nicht zu verlieren

Kommt “Gastgeber” nicht eigentlich von GEBEN?
Um GastGEBER kann es sich hier kaum handeln, wie es es scheint
Doch ein neues Wort findet nun den Weg ins Leben:
Als GastNEHMER belegt man hier nämlich zweifelsfrei Platz eins!

© Joanna W. Stein

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Freigeist

Dieser außerordentliche Gefährte
Setzt grundsätzlich seine eigenen Werte
Denkprozesse stets ergebnisoffen
Hört er nicht auf, auf neue Einsichten zu hoffen
Engstirnigkeit verabscheut er ganz generell
Ist von Natur aus unkonventionell

Dogmen und gesellschaftliche Zwänge
Treiben ihn beständig in die Enge
Intellektuell ist er zu anspruchsvoll
Für gesellschaftliches Einheitsprotokoll
Vorurteile sind ihm vollkommen fremd
Sie stehen im Weg, wo es ihn zu freiheitlichem Denken drängt
Doch sollte man auch etwas anderes nicht verschweigen
Freier Geist mag sich herkömmlicher Moral nicht immer beugen

Der Freigeist ist zwar schwer zu kalkulieren
Und noch schwieriger zu kontrollieren
Doch ist er gänzlich unbestechlich
Ist insoweit absolut verlässlich
Gesellschaftliche Gruppen, die gelegentlich probieren
Ihn für sich zu instrumentalisieren
Kränken ihn in seiner Ehre
Als ob der Freigeist von irgendjemand einzufangen wäre!

Unabhängigkeit ist eines seiner Markenzeichen
Keine Gelegenheit lässt er verstreichen
Gedanken immer wieder anders zu sortieren
Sie unablässig ganz neu zu gruppieren
Sie in andere Beziehungen zu setzen
Und Denkverbote zu verletzen
Der Freigeist lässt sich nicht kategorisieren
Ihn einer Ecke zuzuschreiben, würde ihn irritieren
Er ist grenzenlos interessiert und äußerst tolerant
Insbesondere, hat er mal einen anderen freien Geist erkannt

Dem Freigeist mangelt es nicht an Leidenschaft
Seine große Liebe gibt ihm stetig neue Kraft
War von Anfang an in sie verliebt
Sie ist die einzige, die es für ihn gibt
Er betete die Wahrheit schon von klein auf an
Hofft, sie lässt ihn irgendwann an sich heran
Majestätisch lässt die Wahrheit ihn gewähren
Er findet immer neue Pfade, sich ihr zu nähren
Versucht sie für sich einzunehmen
Und ihr zu weilen mehr Kontur zu geben

Der Freigeist probiert gern aus, nutzt sein ganzes Potential
Immer kreativ, gelegentlich sogar genial
Sein Lebensraum scheint allerdings bedroht
Seit sich dem Kleingeist eine Bühne bot
Auf die ihn der Zeitgeist hat gestellt
Und dies so vielen Menschen gut gefällt
Wie im Amazonas wird Baum um Baum vernichtet
So wird der Freigeist mehr und mehr geächtet
Im Namen des moralverliebten kleinen Geists 
Dessen wachsende Beliebtheit nichts Gutes für den freien Geist verheißt

© Joanna W. Stein

Verloren

Ihr ganzer Körper ist erfüllt von Schmerz,
eingemauert ist die Seele, ist das Herz.
Ihr ist kalt, eiskalt.
Durch einen kleinen Mauerspalt
sieht sie die anderen Menschen lachen, weinen,
lieben, leben und sich vereinen.
Sie haben ihre Trauer wohl erkannt
und reichen ihr die Hand.
Doch sie schafft es nicht, sie zu ergreifen,
die Mauern um das Herz sind nicht zu schleifen.
Die ausgestreckte Hand beginnt zu sinken
und in ihr wächst die Angst, im Schmerze zu ertrinken.
Sie versucht, den anderen zu zurufen, zu zuschrei‘n:
So gerne würd‘ ich bei und mit Euch sein!
Die aber schauen nur verständnislos die Mauern an
und sie versteht, dass niemand sie da draußen hören kann.
Das Einzige, was ihr hier drinnen bleibt
ist die absolute Einsamkeit.

© 2021 Joanna Watson Stein

The Circle by Dave Eggers: Beklemmende Pflichtlektüre

2013 erschienen und heute aktueller denn je! Ein Buch, das weniger durch die Sprache als durch seinen Inhalt glänzt und das man keinesfalls an einem grauen Novembertag lesen sollte oder falls man Gefahr läuft, sich einer depressiven Episode zu nähren! Es hinterlässt den Leser mit einem beklemmenden Ausblick auf die Zukunft, insbesondere die Realisten unter uns. Dennoch eine absolute Pflichtlektüre, damit niemand sich später herausreden kann, er sei nicht gewarnt worden.

Der Leser wird Zeuge, wie die junge und durchaus sympathische Protagonistin, durch ihren Idealismus und ihren Ehrgeiz langsam und unaufhaltsam zu einer fanatischen und unbarmherzigen Systemgetreuen mutiert, die nicht nur ihre eigene Persönlichkeit für das System opfert, sondern – freudig und in dem Bewusstsein „auf der richtigen Seite“ zu stehen – schließlich auch ihre Familie und Freunde dem System zum Fraß vorwirft. Es schnürt einem geradezu die Luft ab, mitzuerleben, wie aus einer lebenslustigen jungen Frau eine seelenlose Fanatikerin wird. Ihre Entwicklung ist Symbol & Warnung zugleich für ähnlich geartete gesamtgesellschaftliche Entwicklungen: Idealismus der zu Fanatismus wird. Ein Fanatismus, dem bedenkenlos alles geopfert wird, einschließlich der Vielfalt und Toleranz auf deren Nährboden er einst entstand.

The Circle wurde vielfach als das „1984“ des 21sten Jahrhunderts tituliert. Das ist naheliegend, denn in diesem Buch entfaltet sich die Geschichte ebenfalls vor dem Hintergrund einer perfekten Anleitung zur Etablierung einer totalitären Einheitsgesellschaft, in der Individualität nur noch theoretisch möglich ist. Das geschützte Biotop, in welchem sich Individualität entwickeln kann, – die Privatsphäre – wird nämlich systematisch ausgerottet. Totale Transparenz ist die perfide, einer geistigen Neutronenbombe gleichende Waffe mit welcher die systembedrohende Individualität eliminiert werden soll, und – wie man im Verlauf des Buches feststellen muss – auch eliminiert wird.

Anders als das obrigkeitsgetriebene Überwachungssystem in „1984“, tröpfelt das Überwachungssystem in The Circle langsam und als Social Media getarnt praktisch unbemerkt in die Gesellschaft hinein, mit dem Ziel seinerseits auch die Obrigkeit zu kontrollieren. Ein Überwachungssystem, das dem dieses System entwickelnden Unternehmen totale Kontrolle über das Weltgeschehen verschaffen soll. Ein Überwachungssystem, das dieses Unternehmen nur aufgrund der gefährlichen Kombination von in einem Vakuum existierender Genialität und berechnendem skrupellosen Machthunger entwickeln konnte. Aber auch ein System, welches nur im Zusammenspiel mit einer Gesellschaft von naiven Idealisten und euphorischen Moralisten, die sich einer rücksichtslosen Empörungskultur verschrieben haben, seine zerstörerische Wirkung entfalten kann.

The Circle ist ein Buch, welches dem Leser Begriffe, wie „Gesunder Menschenverstand“, „Augenmaß“, „Rücksicht“, „Liebe“ und „Toleranz“ wie Rettungsboote in mitten eines tosenden alles verschlingenden Ozeans erscheinen lässt. Es ist damit zugleich der Appell, diese Rettungsboote ausreichend groß und unbedingt seetüchtig zu erhalten.

Kein schönes Buch, aber definitiv ein gutes Buch!

© 2021 Joanna Watson Stein

Rezension auch auf LovelyBooks.de veröffentlicht:
https://www.lovelybooks.de/autor/Dave-Eggers/The-Circle-1110250711-w/rezension/3533032929/

Reset

Kann es selbst kaum fassen
Hab’ mich entschieden
Dich hinter mir zu lassen
Um meinen Zwiespalt zu befrieden

Warst so tief und weit in mir verwoben
Wenn man Deine Fasern extrahiert
Geht mir jegliche Struktur verloren
Purer reiner Tisch, auf dem die Leere dominiert

Es beginnt ein neues Leben
Jedes Detail ist neu zu definieren
Erinnerung kann keinen Maßstab geben
Muss alles neu erkennen und neu einsortieren

Scheine mich ans Atmen zu erinnern – ansonsten alles ausradiert
Die Sinne sind auf Null gestellt
Die Perspektive ist kassiert
Weiss nicht mehr was mich interessiert, was mir gefällt

Was ist Wärme? Was ist Licht?
Muss alles vollkommen neu entdecken
Was tut mir gut? Und was nicht?
Das Lebensgefühl ist ganz neu zu erwecken

Doch ich bin mit mir im Reinen
Welch grandioses Fundament
Mit der Chance, mich ganz neu zu designen
So dass mich nichts mehr von mir selber trennt

© 2021 Joanna Watson Stein

Zeitgeist

An einem Nachmittag in diesem Jahr
Schien es mir, dass ich ihn in der Ferne sah
Seine Kontur war allerdings verschwommen
Gleichwohl verlockend, ihm ein wenig näher zu kommen
Seine ungefähre Position war von meinem Standpunkt aus zu sehen
So nahm ich mir die Freiheit, einen Schritt in seine Richtung hin zu gehen

Er ist kaum zu fassen doch überall präsent
Jedermann behauptet, dass er den Zeitgeist kennt
Und dass dieser mit seiner wegweisenden Eigenart
Verschmolzen ist mit unserer Gegenwart
Was dies für die Beziehung zwischen Gegenwart und Zeitgeist heißt,
Ob er sich von ihr ernährt oder sie im Gegenteil speist
Darüber lässt sich lange spekulieren
Jedenfalls versucht er stets, die Gegenwart mit Stil neu zu verführen

Konnte weder Anfang noch Ende bei ihm erkennen
Seine prachtvollen Farben waren von der Umgebung kaum zu trennen
Ist er treibende Kraft oder lässt er sich im Zeitlauf treiben?
Ständig in Bewegung, um auf dem Laufenden zu bleiben
Um wieder und wieder faszinierend neue Blüten hervor zu bringen
Und Bisheriges gnadenlos und geringschätzig in Vergessenheit zu zwingen 
Ein Gesell‘, der unaufhaltsam durch die Zeiten reist
In dessen Fahrtwind zu weilen die Vernunft entgleist

Der Zeitgeist schleicht sich in jede Gegenwart hinein
Zunächst ein laues Lüftchen – zart und fein
Man betrachtet es lächelnd und genießt es sehr
Doch kommt es schon bald als frischer Wind daher
Mehrheitlich noch immer als Bereicherung empfunden 
Suchen einige doch Schutz in kühlen Abendstunden
Momente später aus dem Wind ein veritabler Sturm entsteht
Der mit gewaltiger Kraft in die Gegenwart eine neue Schneise schlägt 
Der alles mitreißt und zu Veränderung und Neustart führt
Doch der auch Zerstörung hinterlässt und Ängste initiiert

Sehe ihn rastlos über den Horizont hin fegen
Auf der Suche nach immer neuen Wegen
Der Gegenwart Identität zu geben, Ästhetik neu zu definieren
Worte umzuinterpretieren, Sprache zu renovieren
Das Denken an neuen Idealen auszurichten 
Mit gutem Gewissen alte Lebensweisen zu vernichten
Der Zeitgeist – ein wenig selbstverliebt und arrogant
Ist selbst – auch wenn er für Toleranz einsteht – überaus intolerant
Vollends von sich überzeugt, gibt er sich konzeptionell durchdacht
Strebt zeitabschnittsbezogen nach absoluter Deutungsmacht

Im Zeitgeist verbündet sich Licht mit Schatten
Ein Pionier, der loszieht, die Gegenwart mit neuem Lifestyle auszustatten
Doch ist er zu rastlos, um allen Aspekten genügend Aufmerksamkeit zu schenken
Um die Konsequenzen des Lifestyles bis zum Ende zu durchdenken
Überzeugte, optimistische Oberflächlichkeit
Trifft kreativen Mut, der grenzenlos Tatkraft und Energie verleiht
Über Kollateralschäden hartherzig hinweg gerannt
Bewährtes zerstört und dies als Schaden nicht erkannt
Der Zeitgeist ist zugleich Chance und auch Risiko
Für die Identität der Gegenwart und ihr Niveau

© 2021 Joanna Watson Stein

Un-Ruhe Geist

Un-Ruhe Geist – das unbekannte Wesen?
Nein, unbekannt ist er mir nicht gewesen
Undefiniert dagegen ist er allerdings
Hält sich alle Türen offen rechts und links
Grenzt sich geschickt nur negativ und knapp
Von Zufriedenheit und Ruhe ab

Ist mehr als ein vager Eindruck
Ist ein Gefühl von Überzeugung
Dass Veränderung von Nöten sei
Ohne konkret zu sein dabei
Worin die Veränderung bestehen sollte
Als ob er das Vage zementieren wollte
Die Unzufriedenheit mit aktuellem IST
Die den Wunsch nach unbestimmtem ANDERS küsst

Un-Ruhe Geist – wie brodelndes Magma in einem Vulkan
Ungewiss, ob es je zum Ausbruch kommt, und wenn ja, wann
Allein dass das Magma brodelt, ist gewiss
Und dass ein Ausbruch theoretisch möglich ist
Energiegeladener Zustand der Planlosigkeit
Geht dem Un-Ruhe Geist die praktische Tat grundsätzlich zu weit?
Und begnügt er sich daher mit dem generellen Schluss
Dass der Status Quo verändert werden muss?

„Begnügen“ ist ihm vollkommen fremd
Vielleicht ein wenig das, was man anmaßend auch nennt
Doch „Tat“ ist ebenfalls nicht Teil seiner DNA
Und das ist tatsächlich nachvollziehbar
Denn die Tat ist des Un-Ruh‘ Geistes Ende
Wie das Magma draußen im Gelände
Zu Lava unabänderlich mutiert
Mutiert der Un-Ruh‘ Geist, sobald er Energie in Taten fokussiert
Und dadurch zum Protagonisten des Geschehens wird
Un-Ruh‘, die zur Tatkraft wird und dann als Un-Ruh‘ nicht mehr existiert

Der un-ruhige Geist ist daher in gewisser Weise sehr stabil
Konkrete Taten sind nicht unbedingt sein Ziel
Doch er ist kräftezehrend
In stetiger Bewegung während
Ohne dass er von der Stelle kommt
Wofür der Aufwand, fragt man sich prompt?
So wie das Brodeln für das Magma nicht optional
So lässt einem auch der Un-Ruh‘ Geist letztendlich keine Wahl
Man hat ihn sich nicht ins Haus bestellt
Doch wird er geliefert – auch wenn es einem nicht gefällt

Der Un-Ruh‘ Geist hat seine eig‘ne Qualität
Schafft Spannung, drängt zur Abkehr von Konformität
Ist – wie ein Substrat – unabdingbare Voraussetzung
Für das Wachsen der Suche nach Veränderung
Lässt Ideen entstehen und Utopien aufkeimen
Und die Keime mit Kreativität bescheinen
Ein einzigartiger Lebensraum
Für Fantasie und Zukunftstraum
Trotz seines Hangs zum Vagen und seiner Ineffizienz
Ist er doch der Veränderung grundlegendste Essenz

© 2021 Joanna Watson Stein

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