Die Kinder der Revolution

Als sie die Bühne der Gesellschaft einst betreten
Hatten sie Vielfalt hochgepriesen
Waren für Toleranz und Freiheit eingetreten
Hatten auf Meinungsfreiheit oft verwiesen

Dieselben Menschen – heute etabliert
Gefallen sich in ihrem Spiegelbild
Haben mit Selbstgerechtigkeit sich reduziert
Und engstirnig zur Meinungspolizei sich degradiert

Sprechen weiterhin von Toleranz
Haben die Bedeutung allerdings begraben
Vergessen – sich permanent empörend – ganz
Respekt vorm Andersdenkenden zu haben

Fühlen sich moralisch über allem stehend
Haben Vielfalt in Meinungseinfalt umgewandelt
Nicht genehme Fakten übergehend
Idealismus gegen Denkverbote eingehandelt

Äußern ihre Meinung in plakativester Manier
Positionen oft nicht bis zum Ende durchgedacht
Populismus immerhin mit rechtem Auge identifiziert
Das andere Auge wird vor eig‘nem Populismus zugemacht 

Treten als Ankläger und Richter gleichermaßen in Erscheinung
Bei abweichender Meinung wird sozialer Tod verhängt
Ohne Gerichtsverhandlung – gab es früher nicht mal Gewaltenteilung?
Das Spektrum zulässiger Gedanken auf ihre (schmale) Sicht beschränkt

Nicht nur einzelne Personen ausradiert
Toleranz, Freiheit, Vielfalt und echte Diskussion  
Als Kollateralschaden en passant mit eliminiert
Sie selbst gefressen von der eig’nen Revolution

© 2021 Joanna Watson Stein

NICHTS

Nichts ist mir lieber
Nichts ist mir fremd
Nichts hat kein Für und auch kein Wider
Nichts ist das, was niemals trennt
Nichts liegt mir ferner
Nichts ist so beliebt
Nichts erscheint uns inhaltsärmer
Nichts ist das, aus dem sich nichts ergibt
Nichts soll meist verschwiegen werden
Nichts kann man nicht noch mal teilen
Nichts ist auf Fakten nicht zu erden
Nichts kann nur im Nichts verweilen
Nichts hat uns hervorgebracht
Nichts nimmt uns zurück
Nichts hat niemals einen Streit entfacht
Nichts hat mich dauerhaft entzückt
Nichts ist gänzlich ohne Sinn
Nichts als Liebe ist Gewinn!

© 2021 Joanna Watson Stein

Zürich

Eine Stadt am See, schlicht nur ein Ort,
doch ist irgendwas Besond‘res dort:
Obwohl es so viele schöne Städte gibt, 
hab‘ ich nirgends sonst so intensiv gelebt, geliebt.

War schon so oft in dieser Stadt,
hab‘ dort gelebt – ein paar Jahre in der Tat.
Bin nun nur noch hin und wieder als Tourist
in der Stadt, die offen und doch felsenfest verlässlich ist.

Egal zu welcher Jahreszeit,
die Luft ist klar, der Blick ist weit!
Tatsächlich hört man fast jede Sprache,
flaniert man auf der Bahnhofstrasse.

Aber das ist alles nicht das, was ich meine:
Ich mein’ die Zwischentöne, mein‘ das Feine,
die Freiheit gepaart mit Sicherheit vielleicht,
die Sinne öffnet und das Herz erreicht.

Eine ganz spezielle Atmosphäre eben,
nur in Zürich kann ich sie erleben:
Ruhig und entspannt,
dennoch dem Leben völlig zugewandt.

Das geht mir durch den Kopf beim Warten
auf der Terrasse sitzend im Hotel Seegarten.
Kann den Gedanken nicht zu Ende führ‘n,
denn da kommst Du und wir geh’n am See spazier’n.

© 2021 Joanna Watson Stein

Auszeit

Lauer Wind bewegt die Luft,
sanft rauschen die Wellen im Meer,
leichter Rosenduft,
friedlich, ruhig und menschenleer.

Bei einem Haus nicht weit vom Strand,
eine Terrasse und ein Garten in den Dünen
an der östlichen Spitze von Long Island,
wo Hortensien immer blühen.

So kitschig, wie das auch klingen mag,
so ist es dennoch ganz präzis,
an einem warmen Frühlingstag
Realität in diesem Paradies.

Unendlich frei, zugleich entspannt,
von Frieden ganz erfüllt,
alle Verpflichtungen, aller Stress weit weg verbannt,
ausschließlich in mich selber eingehüllt.

Kurzes Urlaubsinterim,
Momentaufnahme mit den leisen Tönen.
Nicht von Dauer – gar nicht schlimm:
Lang genug, mich mit mir selber auszusöhnen.

© 2021 Joanna Watson Stein

Realität

Realität ist das, was IST
Wonach Wahrheit sich bemIsST
Was Luftschlösser auffrIsST
Was man auch allzu gern vergIsST
Was man bei Theorien oft vermIsST
Benennst Du sie, bist Du ein PessimIST
Färbst Du sie schön, ein OptimIST
Färbst Du sie schwarz, ein FatalIST
Realität benutzt niemals eine LIST
Zwischen Fakten gibt es keinen ZwIST
Realität bewertet nicht, nimmt Dich, so wie Du bIST
Ob Menschenfreund, ob EgoIST
Nur durch Zeitablauf veränderlich, doch ohne feste FrIST
Freunde Dich mit ihr an, werd’ RealIST

© 2021 Joanna Watson Stein

Photo by Bradley Hook on Pexels.com

Sonne

Der Tag in gleißendes Licht getaucht,
so dass jedes Problem verraucht.
So hell, so leicht, so unbeschwert
erscheint alles im Leben liebenswert!
Im hellen, warmen Sonnenlicht
erreichen Dich die Plagen nicht. 
Wie eine Blume öffnet das Leben sich:
Einfach, klar und großartig!
Schön ist’s dies friedlich zu genießen
bis dass die Schatten wieder sprießen.
Denn verliert die Sonne ihre Kraft,
wird die Leichtigkeit dahingerafft,
die Wärme zieht sich mit zurück
und vorbei ist’s mit dem Sonnenglück.
Allerdings ein Hoffnungsschimmer
bleibt uns doch letztlich immer:
Denn Dank der Erde Umlaufbahn
man mit der Wiederkehr der Sonne rechnen kann!

© 2021 Joanna Watson Stein

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Gedanken

So wie das Wasser formt den Stein,
fließen Gedanken dort hinein:
In das reale Leben,
es zu verändern, ihm eine (andere) Form zu geben.

Können es runden, schärfen oder erweitern,
es verfeinern, es erheitern,
Kontraste bilden, Kanten pointieren,
Systeme schaffen und Erkenntnis initiieren.

Unaufhaltsam ist der Fluss unserer Gedanken,
dem wir die Kreativität verdanken, 
der Existenz zu Präsenz werden lässt,
der sich nicht beugt: keinem Staudamm, keinem Arrest.

Viele Gedankenflüsse können sich vereinen,
können als Strömung dann erscheinen,
können Richtung geben oder finden,
können sogar Staaten entzweien oder verbinden.

Nichts kommt ihrer Kraft und ihrer Stärke gleich,
nichts macht unser Leben so unendlich reich!
Die Gedanken sind das Kostbarste, was wir haben:
Man sollte sie nicht im Konsum begraben.

© 2021 Joanna Watson Stein

Die Phrase

Wusstest immer von ihrer Existenz,
bist ihr früher nur seltener begegnet.
Heut’ scheint sie die Einzige, die Du noch kennst,
man hat ihr wohl auch den Weg geebnet.

Sie zeichnet sich aus durch Wortreichtum. 
Durch Inhaltsleere gelangte sie
zu außerordentlichem Ruhm.
So populär wie heut’, war sie noch nie!

Immer öfter erschien sie auch bei Dir:
Sie war flexibel und so umgänglich,
geschmeidig in so unvergleichlicher Manier!
Gute Bekannte wart Ihr anfänglich.

Dann aber wurdest Du nach ihr süchtig.
Und nicht nur Du – sie war in aller Munde!
Sie steigerte Dein Ansehen tüchtig,
unzertrennlich wart Ihr seit dieser Stunde.

Du – die Politik -, sie – die Phrase,
ein hübsches Paar seid Ihr!
Geratet gemeinsam in Ekstase
und Dein alter Freund – der Inhalt – bleibt allein und unbeachtet hier.

© 2021 Joanna Watson Stein

Die Frau, die Nein sagte – Ein Portrait von Francoise Gilot

Sollte der Sommer nicht halten, was ein Sommer an Sonne & Wärme normalerweise verspricht, oder sollte uns die Covid-Situation in Gestalt der Delta-Variante unerwartet einsame Lock-Down-Tage bescheren, gibt es immer noch diese lohnende Fall-Back-Option: Ein gelungenes Portrait von Francoise Gilot – jenseits des von Picasso geworfenen Klischee-Schattens!

https://www.arte.tv/de/videos/095167-000-A/pablo-picasso-francoise-gilot/

Ungeboren

Vor Monaten spürt’ ich den ersten Hauch
von neuem Leben in meinem Bauch:
Freude und Unfassbarkeit,
unwirklich und doch Wirklichkeit.
Diffus war der Gedanke noch
gleichzeitig auch Gewissheit doch:
Mein „altes“ Leben ganz allein
wird von Dauer nicht mehr sein,
alles wird sich ändern, das ist klar,
nichts wird so bleiben, wie es war!

Angst und Neugier halten sich die Waage,
denn mehr und mehr stellt sich die Frage:
Ist mein Herz und Geist auch so gemacht,
dass Hingabe und Liebe dann erwacht,
wenn ich das kleine Wesen zum ersten Mal betrachten kann?
Wird es tief in mir `was rühren? Zieht es mein Herz in seinen Bann?
Nach vielen Jahren mit selbst bestimmtem Leben
jetzt nur noch für ein Kind zu geben?
Ohne Rücksicht auf die eigenen Belange …
Bin ich dazu bereit? Und wenn ja, wie lange?
Ach wüsst’ ich nur, ob Mutterschaft
tatsächlich grenzenlose Liebe schafft!

Trotz dieser Zweifel trag’ ich ganz tief in mir
die Ahnung eines speziellen Band‘s zu Dir!
Das Muttersein noch so weit weg und doch so nah,
vielleicht wird es ja ganz wunderbar?
Drei Wochen noch, dann werd‘ ich Dich sehen,
Dir beim ersten Atemzug zur Seite stehen!
Der Weg in diese Welt – auch für Dich sicher nicht leicht gewesen,
doch willkommen bist Du hier, wunderbares, kleines Wesen!

© 2021 Joanna Watson Stein