Die Seiltänzerin

Die Bodenhaftung früh verloren, 
hat sie ein Drahtseil zwischen sich und ihren Träumen aufgespannt,
auf dem sie sehr graziös ihr Leben tanzt.
Als Lebensakrobat ist sie geboren!

Ihr Leben – ein virtuoser Drahtseilakt:
Stets plant sie minutiös, um dann tollkühn zu entscheiden:
Jeder Schritt das Abenteuer, in der Balance zu bleiben,
und ein Sieg über die Angst, die sie vor dem Abgrund hat.

Das Risiko ist immer nah – sie jedoch bleibt unnahbar
und von ihren Träumen ganz und gar erfüllt.
Nicht immer ist ihr Seil in Sonnenlicht gehüllt,
doch der Ausblick ist stets wunderbar!

Geschmeidig ist ihr Seiltanz,
anmutig hält sie die Balance.
Hoch auf dem Seil im Sonnenglanz 
wägt sie stetig Risiko und strahlend helle Chance.

Dann geht sie einen neuen Schritt:
Keinen Blick wirft sie zurück.
Einmal mehr scheint ihr ein Schritt geglückt,
der ihr grandiose neue Perspektiven gibt!

© 2022 Joanna Watson Stein

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Manche Nächte

Alles in Ordnung in diesen Tagen,
kann mich wirklich nicht beklagen.
Doch in manchen Nächten grau und kalt
öffnet sich ein Spalt,
durch den tröpfelt Erinnerung ganz sacht:
Kleine gold‘ne Tropfen aus Wärme und aus Liebe zu dieser Welt gemacht,
die sich zu einem tiefen See des Glückes formen.
Das Gefühl, man ist mit Gewissheit angekommen:
Eins mit sich selbst und frei von Sorgen,
frei von dem Streben nach einem besseren Morgen.
Dieses Gefühl so unbeschreiblich wunderbar
tatsächlich schon lang nicht mehr vorhanden war.
Dann erfasst ein Tsunami der Erinnerung das Herz,
das sich zusammen krampft vor Schmerz
über den Verlust dessen, das irgendwie entglitten ist:
Das Glück, das einen wunschlos lächeln lässt,
nach dem ich tief im Innern mich verzehre,
und das zugleich erinnert an eine Leere,
die den Alltag seit Langem unbemerkt erfüllt:
Vergangenes Glück in aktuelle Wehmut eingehüllt.
In solchen Nächten gibt es nichts, was Glück von Tränen trennt.
In solchen Nächten gibt es nur das, was man die tiefste Sehnsucht nennt.

© 2022 Joanna Watson Stein

Grund 101

Hundert Gründe kann ich Dir nennen,
warum es besser wäre, sich zu trennen:
Du möchtest mit mir zusammen leben,
ich will die Freiheit nicht aufgeben.
Du magst gern in mitten vieler Leute sein,
ich bin am liebsten ganz allein. 
Kunst und Design hat Dich nur am Rande interessiert,
für mich ist es von elementarem Wert.
Dafür fasziniert Dich die Vergangenheit,
für mich ist sie höchstens eine Nebensächlichkeit.
Ich brauche Genauigkeit und Präzision,
Dir reicht das Ungefähre schon.
Du setzt auf die Kraft der Globuli,
für mich ist das nichts als Scharlatanerie.
Und doch – trotz alle dem –
ist da noch ein hundert erster Grund zu sehen,
der schließlich immer ausschlaggebend war:
Wir sind uns schlicht so unvergleichlich nah,
können uns bis in die Seele schauen
und zusammen die unglaublichsten Luftschlösser bauen!
Grund 101 war immer Grund genug bei Dir zu bleiben 
und ließ uns ganz behutsam zur Unzertrennlichkeit hin treiben!

© 2022 Joanna Watson Stein

Kinder an die Macht: Es ist geschafft!

In den 80ern hatte ein wohlmeinender Musiker diese Option als Lösung aller Weltprobleme in den Raum gestellt. Unter Nutzung einer gewissen künstlerischen Überzeichnung und im Dienste eines provokanten musikalischen Gegenentwurfs, versteht sich. 

Doch das Körnchen Wahrheit wurde offensichtlich zu wörtlich genommen und als ultimatives politisches Konzept verstanden – vor allem von den Kindern in den 80ern. Es setzte sich offensichtlich hartnäckig in den Köpfen eben jener Kinder fest. Und nun haben sie es endlich geschafft: Die Kinder von damals sind jetzt tatsächlich an der Macht! Gratulation! 

Der jahrzehntelange Kampf um die Macht erforderte einiges an Geschick und Durchhaltevermögen und es ist nur Recht und billig, dass diese Anstrengungen irgendwann belohnt werden. Durchhaltevermögen bedurfte es sicher insbesondere im Hinblick auf die Bewahrung der kindlichen Naivität – und das allein ist ja schon eine beachtliche Leistung, denn normalerweise sammelt man mit zunehmendem Alter Erfahrungen an, die diese kindliche Naivität einem gesunden Realismus weichen lassen. Im besten Fall macht die Naivität sogar der Weisheit Platz. So oder so, es bedarf sicherlich einer erheblichen Anstrengung, trotz aller Lebenserfahrung an einer naiven Lebenshaltung festzuhalten. Hut ab! Die Kinder von damals haben es geschafft.

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In den 80ern wurden mit der Rettung des Käfers Karl erste Erfolge errungen, heute werden ganze Bauprojekte von bundesweiter – ja sogar europaweiter – Bedeutung mit Blick auf die Nachfahren von Karl dem Käfer jahrzehntelang lahm gelegt oder sogar gänzlich verhindert.

Diese konsistente Lebenshaltung zeigt sich auch bei den pazifistischen Ansätzen: Gestern noch gegen die Stationierung von Pershing-Abwehrraketen demonstriert, und heute im Lichte einer Neuauflage des kalten Krieges konsequent auf etwaige Waffenlieferungen an osteuropäische Staaten verzichtet. Freilich möchte man dennoch Haltung zeigen und beweisen, dass man die Situation alles andere als auf die leichte Schulter nimmt. Und so stellt man jenen osteuropäischen Staaten in einem Akt von unbürokratischer Solidarität kurzer Hand 5000 Helme zur Unterstützung der Landesverteidigung zur Verfügung. Wer das als lächerlich bezeichnet, hat die tiefere konzeptionelle Komponente übersehen: Es handelt sich hier um Solidarität, so wie sie vor dem Hintergrund der kindlichen Naivität interpretiert wird. Die Kinder sind jetzt – wie in den 80ern eingefordert – endlich an der Macht: Spontan, naiv, wohlmeinend!

Etwa vergleichbar mit der Situation, dass ein 4-jähriger Knirps seinem halbwüchsigen Bruder einen Lolli schenkt, als er ihn von einer Gruppe älterer und deutlich größerer Nachbarjungen brutal zusammengeschlagen, schwer verletzt und kaum noch bei Bewusstsein am Boden liegend findet. Eine rührende Geste! Von ehrlicher, liebevoller Sorge und Solidarität getragen, keine Frage! Aber wird der Lolli den Bruder davor bewahren, an inneren Blutungen zu sterben? Gut gemeint ist eben noch lange nicht gut gemacht.

In den Kreisen der nunmehr an die Macht gekommenen wohlmeinenden Kinder scheint man sich allerdings mit „gut gemeint“ zu begnügen: Man setzt auf Symbolpolitik statt auf Inhalt. Man setzt Zeichen statt sich um die reale Lösung der Probleme zu kümmern. Lichterketten, Gedenkveranstaltungen und Sprachsymbolik haben Hochkonjunktur. Und nun auch die Helmindustrie.

Man hat sich entschieden, alle Energien und Ressourcen auf die äußere Form der Darstellung zu verwenden, statt sich um den realen Nutzen, den materiellen Inhalt und vor allem um die Konsequenzen etwaiger Maßnahmen zu kümmern. Aber Letzteres würde natürlich auch dem kindlich naiven Ansatz widersprechen. Es bräuchte dann nämlich Weitblick statt Spontanität und realistische Einschätzungen – die gegebenenfalls zu unangenehmen Erkenntnissen führen – statt Naivität. Zweifellos ist es zu begrüßen, wenn Entscheidungen von wohlmeinenden Gemütern getroffen werden, ich persönlich würde mich jedoch dennoch deutlich wohler fühlen, wenn sie in erster Linie von fundierten Kenntnissen der jeweils zur Entscheidung stehenden Thematik getragen wären. Aber – wie gesagt – das sieht man bei den Kindern an der Macht eben anders: „form over substance“! Deshalb suchen sie nun auch ihr (und unser aller) Heil in der Bestellung eines Parlamentspoeten. Ein Hoch auf die Lyrik! Und ich bin sicherlich die Letzte, die das nicht ernst meinen würde.

Nun ist das Parlament allerdings die Legislative unseres Staates und nicht das Kammertheater. Das heißt, es werden dort Gesetze beschlossen und keine Komödien aufgeführt. Zumindest sollte es so sein, aber ich gebe zu, die Grenzen sind fließend. Welches Signal sendet also die Bestellung eines Parlamentspoeten? Auf jeden Fall ein antizyklisches Signal! Den Kindern an der Macht scheint es gelungen zu sein, sich neben ihrer kindlichen Naivität auch ihren kindlichen Trotz bewahrt zu haben. Während weltweit eine klare Tendenz bei der Gesetzgebung zu einem „substance over form“-Ansatz geht, scheinen die Kinder an der Macht trotzig in die entgegengesetzte Richtung schreiten zu wollen und mit Hilfe des Parlamentspoeten die Gesetze künftig „form over substance“-mäßig, lyrisch ansprechend gestalten zu wollen. Der deutsche Sonderweg eben. Wie immer. Aber vielleicht wurde dieser Ansatz ja auch zuvor – von der Öffentlichkeit unbemerkt – mit den Europäischen Partnern abgestimmt? Wer weiß!

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Ja, auch ich habe damals voller Überzeugung gegen die Stationierung der Pershings demonstriert und stehe weiterhin dem Lager der Pazifisten nahe. Und auch Karl der Käfer hat mir damals mehr als einmal die Tränen in die Augen getrieben. Allerdings ist es mir nicht gelungen, über die Jahre meine kindliche Naivität zu bewahren, vielleicht schon eher den Trotz. Dafür habe ich aber gelernt, den meisten Situationen auch etwas Positives abzugewinnen. Und so freue ich mich schon auf die kalten, stürmischen Winterabende, an denen ich mich in mein wohlig warmes, durch eine Wärmepumpe beheiztes Arbeitszimmer zurückziehen werde und in der Gesetzeslyrik der Kinder an der Macht schmökern kann. Den Wermutstropfen, dass die Wärmepumpe zu jenem Zeitpunkt wahrscheinlich mit dem zugekauftem Strom aus den französischen Atomkraftwerken betrieben werden wird, werde ich notfalls mit einem Glas Rotwein betäuben.

© 2022 Joanna Watson Stein

Die Illusion

Zaghaft betrat die Idee den Horizont
Hat sich dort in vager Möglichkeit gesonnt
Konnte sie schon von weitem gut erkennen
Sie von der Realität kaum trennen
Glanzvoll und farbenfroh erschien sie mir
Greifbar und auf direktem Weg ins Jetzt und Hier

Malte mir euphorisch aus, mit ihr neue Wege zu beschreiten
Und lies mich schnell dazu verleiten
Umstände, die eventuell Probleme schufen
Ausnahmslos als lösbar einzustufen
Die Umsetzung geschah im Kopf wie von allein 
Jedes Detail schien praktisch schon real zu sein

Doch als der Tag sich dann dem Ende neigte
Sich überdeutlich zeigte
Dass das Bild, das in meinem Kopf entstand
Sich in der Wirklichkeit nicht wieder fand
Während die Idee den ganzen Tag in der Sonne am Horizont verbracht‘
Hatte ich ganz unbemerkt Bekanntschaft mit der Illusion gemacht

© 2022 Joanna Watson Stein

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Neid

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Nun ist des einen Glück und Freud‘
Ein Grund für eines and’ren Neid
In Folge dessen zuweilen auch eines Dritten Leid
Denn aus dem Keim des Neides blüht die Böswilligkeit 

Neid erwächst aus einem Sumpf von Unzufriedenheit
Ein Glücklicher sich dagegen an des and’ren Glück erfreut
Insofern ist der Kern der Schwierigkeit
Das Unglück als Nährboden, auf dem der Neid gedeiht 

Nach kurzer Zeit zernagt er mit seiner Hartnäckigkeit
Einstige Grenzen guten Benehmens und der Vertrauenswürdigkeit
Inakzeptabel für den Neider, dass das Schicksal einem and‘ren Glück verleiht
Demgegenüber das Glück die Tür des Neiders stetig scheut

Nicht nur dies ist‘s, was der Neider nicht verzeiht
Eben noch nur unglücklich, nun auch Opfer von Ungerechtigkeit
In Windeseile hat der Neid die Integrität zerfressen und es ist soweit
Der Neider fühlt sich zu allem berechtigt und ist zu jeder Niedertracht bereit

Natürlich bietet sich schon sehr bald die Gelegenheit:
Ein Dritter hofft auf des Neiders Wohlwollen bei einer Kleinigkeit
Informelle Beilegung der Folgen einer Mißgeschicklichkeit
Doch der Neider übt sich aus Prinzip und mit Kalkül in Unnachgiebigkeit

Nebenbei betrachtet er, wie dies den Dritten in äußerste Verzweiflung treibt
Empfindet kurz Erleichterung durch vermeintliche Gerechtigkeit
Indes beschert‘s ihm nicht den ersehnten Hauch Zufriedenheit 
Da Glück nicht auf eines anderen Leid gedeiht

Neidern mangelt es vielleicht auch an Bescheidenheit
Ewig scheint des Nachbars Garten von viel mehr Glanz und Prächtigkeit
Ignorieren und missachten die eig‘ne Einzigartigkeit 
Derweil man großzügig Unannehmlichkeit verteilt 

Nur was vertreibt die Unzufriedenheit zusammen mit dem Neid?
Eigentlich genügt Humor und ein Quäntchen Einsichtigkeit
Inklusive ein wenig Abstand von der eig’nen Wichtigkeit
Dazu ein Lächeln – und es öffnet sich das Tor zu größerer Zufriedenheit

© 2022 Joanna Watson Stein

Der Aufbruch

Zustand in einer Lebensphase letztem Akt
Nach vorn gerichteter Esprit
Visionen, Tatendrang und Freigefühl – hab‘ alles schon zusammengepackt
Das Ziel per heute nur vage Utopie

Muss noch ordnen ein, zwei letzte Dinge
Hier und dort noch ein paar Abschiede verfassen
Wär‘ froh, wenn das schnell vorüber ginge
Möcht‘ aber alles gut geregelt hinterlassen

Kann es gar nicht mehr erwarten
Loszukommen vom „Bisher“
In Richtung Zukunft los zu starten
Bin aufgeregt – hab‘ keine Zweifel mehr

Wo genau es hingehen soll?
Das kann ich heute noch nicht sagen
Die grobe Richtung heißt: „Schillernd & Verheißungsvoll“
Bin begierig, mich ins Neuland vorzuwagen

Mein Zug nach „Neu & Anders“ steht schon am Gleis und fährt gleich ab 
Hab‘ den Hauch von Wehmut, der mich streift, sehr wohl wahrgenommen
Es war kein Kalkül, das den Ausschlag für diesen Aufbruch gab
Schlicht das unerklärliche Gefühl, mir selbst ein Stückchen näher zu kommen

© 2022 Joanna Watson Stein

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Lachen

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Vor kurzem traf ich dieses Zwillingspaar
In einer spelunkenhaften Cocktail-Bar
Wo man lässig sie am Tresen lehnen sah
Ihr verschmitzter Charme unwiderstehlich war

Gelassen lächelnd stellten sie sich vor
Yin und Yang der Leichtigkeit: Das Lachen und sein Bruder, der Humor
Jede Spur von Sorge, die der Tag zuvor heraufbeschwor
Sich in ihrer Gegenwart sogleich im Nichts verlor

Zum Lachen zog es mich besonders hin
So attraktiv und aus sich selbst heraus der Sinn
Schätzte mich glücklich, dass ich ihm begegnet bin
Und gab mich ihm mit Spaß und Freude hin

Hab‘ den ganzen Abend nur mit Lachen zu gebracht
Ausschließlich von Jetzt nach Gleich gedacht
Zum Maßstab den Moment gemacht
Und ganz nebenbei die Zuversicht entfacht

Herrlich berauschend ist das Lachen
Lässt Unbeschwertheit neu erwachen
Lässt mich großzügiger die Welt betrachten
Und mich Urlaub von den schweren Dingen machen

Lachen gibt Energie und zugleich Frieden
Zeigt sich von zaghaft über herzlich bis durchtrieben
Bin immer mit ihm in Kontakt geblieben
Das Lachen ist so leicht zu lieben!

© 2021 Joanna Watson Stein

Treibsand

Hat sich nie so richtig festgelegt
Was ihn ausmacht und was nicht
Mit rauschender Karriere darüber hinweg gefegt
War auch bequemer so aus seiner Sicht

Ein glänzendes Leben mit Bravour errichtet
War überall beliebt und gern gesehen
Fragen, die ihn selbst betrafen, mit Betriebsamkeit vernichtet
Zweifel niemals weggeschoben: er ließ sie nie entstehen

Meinte irgendwann später komme schon die Zeit 
Da er sich gegenüber sich selbst positioniert
Vorerst schien es nicht zu stören, dass er im Vagen bleibt 
Praktikable Sicht, solange nichts passiert

Was ihn tatsächlich ausmacht, hat er nie bedacht
Stets nur Erwartungen erfüllt – virtuoser Konformist
Ließ bei seinem Leben systematisch außer Acht
Dass es im unbefestigten Sande seiner selbst errichtet ist

Als ihn ein Ereignis ganz unerwartet traf
Wodurch die Sande in Bewegung kamen
Und das alles durcheinander warf
Fehlte ein festes Fundament als Rahmen

Erste Risse zeigten sich in seinem Leben
Zuerst ein Bröseln, dann zerbrach es Stück für Stück
Es zusammen zu halten, hatte er sich alle Mühe zwar gegeben
Doch der lose Sand ihm durch die Finger rann‘ – nichts blieb ihm zurück

Nicht einmal er selbst war sich geblieben
Zu vage der eig‘ne Aufenthalt 
Um an sich selber Halt zu kriegen
Das Chaos traf ihn mit aller Gewalt

Zur Positionsbestimmung nun gezwungen
Die späte Ankersuche vehement
Doch ist die Erkenntnis bei ihm durchgedrungen
Treibsand ist kein gutes Fundament

© 2021 Joanna Watson Stein

Halb Fünf am Nachmittag

Eine Adventsgeschichte. Die Prosaversion des Gedichts „Advent“

Halb Fünf am Nachmittag. Ich schaue aus dem Fenster. Es ist schon dunkel, der Himmel in dumpfes Schwarz gehüllt. Die Straßenbeleuchtung wirkt zu grell, aber immerhin leuchtet im Fenster des Nachbarhauses ein Weihnachtsstern in warmen Goldtönen.

Advent, Advent ein Lichtlein brennt … So dunkel wie der Himmel ist, so dunkel erinnere ich mich an eine Zeit, in der der Advent die Zeit der Besinnlichkeit war, die Zeit der Ruhe, des Friedens und der Gemütlichkeit: Bei Kerzenschein zusammen Tee trinken, während ein leichter Zimtgeruch aus der Küche herüber zieht, in der sich die Boxen mit den frisch gebackenen Plätzchen stapeln. Man saß beisammen, unterhielt sich und überlegte, worüber sich die besten Freunde, die Eltern und natürlich die Kinder zu Weihnachten freuen würden. Und irgendwie hing über allem die Vorfreude auf das Weihnachtsfest. Das Wort „Pflichten“ kam uns im Zusammenhang mit dem Weihnachtsfest nur sehr selten in den Sinn. Umso öfter allerdings die Worte „Freude bereiten“. Neben uns wohnte eine ältere Dame, die wohl keine Familie hatte. Für sie stellten wir immer eine extra Box mit Plätzchen bereit. Außerdem hatte unsere Gemeinde eine Patenschaft für einen Ort an der Elfenbeinküste, in welchem große Armut herrschte, und so packten einige Familien – und auch wir – zum 2. Advent immer ein großes Weihnachtspaket für eine dort lebende Familie. Es wurde von niemandem erwartet, dass wir das taten, wir taten es einfach. Und wir taten es gern! Weil wir es wollten. Wir freuten uns jedes Jahr darauf – es war niemals eine Pflicht.

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Ja, das ist lange her! Sehr lange! Und heute – was ist heute? Ich schaue mit Wehmut auf den Stern im Fenster des Nachbarhauses, der so friedlich und golden funkelt. Was für eine Blasphemie! Gerade vorhin hatte ich wieder erlebt, dass Advent und Besinnlichkeit heutzutage rein gar nichts mehr miteinander zu tun haben. Noch viel weniger haben Advent und Frieden etwas miteinander zu tun. Nein, heute ist der einst friedliche, ruhige Advent zu einer anerkannten Wettbewerbsdisziplin in Sachen Selbstdarstellung geworden, die mit peinlicher Akribie in den schlecht sitzenden Mantel der Liebe gezwängt wird. Der Mantel sitzt unter anderem auch deshalb so schlecht, weil er für die übergroßen Egos der Protagonisten viel zu klein ist.

Als ich heute meine Tochter aus der Kita abholte, geriet ich – nicht unerwartet, aber dennoch schutzlos – in die Fänge dieser ehrgeizigen Protagonisten mit den schlecht sitzenden, viel zu kleinen Mänteln: Sie tragen Namen wie Lisa, Christiane, Anja oder Ursel. Es sind Mütter anderer Kinder aus der Kita.  Sie sahen sich mit von Ehrgeiz gestählten Gesichtern gegenseitig misstrauisch an. Mich sahen sie noch misstrauischer an, versteht sich. Die Mäntelchen der Liebe wurden noch einmal notdürftig zurechtgezogen. Dennoch konnte ich förmlich hören, wie sich ihre Gedanken zu ganz und gar nicht liebevollen Fragen formten: Wer verschenkt die schönsten Adventskerzen oder Plätzchenboxen? Wer hat am meisten selbst gemacht? Wer hat sich besonders nette Dinge ausgedacht? Eine jede mit dem unbedingten Willen gesegnet, selbst diejenige zu sein, die das Ranking anführt, und zugleich von der latenten Angst erfüllt, möglicherweise einer der Konkurrentinnen zu unterliegen.

Von ruhiger Besinnlichkeit nicht die geringste Spur. Lautstarkes, hektisches Stimmendurcheinander bei den Versuchen, sich mit ach so netten Ideen gegenseitig zu übertreffen. Eine der Mütter, die selbstverständlich sowohl im Elternbeirat der Kita als auch in dem der Grundschule mitwirkt, fragte, ob es nicht angemessen wäre, noch einen Adventskalender für den Lehrer anzufertigen? Eine rhetorische Frage, versteht sich. Was sie eigentlich zum Ausdruck bringen wollte war: „Seht her, ich bin ein viel besserer Mensch als ihr, habe stets das Wohl meiner Mitmenschen im Sinn und habe deshalb – anders als ihr – an den Lehrer gedacht.“ Sofort fiel ihr eine andere, ähnlich engagierte Mutter ins Wort und stellte mit leicht erhobener Stimme fest, dass auch ein Geschenk für den Trainer im Sportverein ein absolutes Muss sei! Hinter mir warf eine weitere Mutter lauthals mit leicht beleidigtem Unterton in die Diskussion, dass aber doch der Adventskalender für die Kita-Erzieher absolute Priorität hätte! Und dann schaltete sich auch eine vierte Mutter mit einer leisen, aber bestimmten Stimme, die niemals Widerspruch duldet, ein und belehrte alle Anwesenden, dass sie kürzlich etwas von einer Hilfsinitiative für Kinder in Myanmar gelesen habe. Wir hätten als gute, interessierte und vor allem mitfühlende Menschen uns sicher alle schon selbst über diese Initiative informiert. Sie konnte das Wort Myanmar zwar nicht fehlerfrei aussprechen, ermahnte jedoch alle Anwesenden oberlehrerhaft und nachdrücklich, dass es selbstverständlich unser aller moralische Pflicht sei, diese Initiative durch Spende eines gefüllten Päckchens zu unterstützen. Und genau das war es, was mein Unbehagen in einen unbezwingbaren Fluchtinstinkt umschlagen ließ: Man war sich über „Verpflichtungen“ einig! Von Liebe, Nächstenliebe, von Geschenken oder Taten, die von Herzen kommen, keine Rede und noch nicht einmal ein Gedanke. Nicht zum ersten Mal blitzte die Erkenntnis auf, dass mich mit diesen Menschen nichts verband. Im Gegenteil, sie hatten die Kita annektiert und ich befand mich damit dort auf feindlichem Territorium. Gott sei Dank erschien in diesem Moment der rettende Engel in Gestalt meiner fertig angezogenen Tochter und wir machten uns auf den Heimweg. Kaum an der Tür, rief jemand noch hinter mir her, ob ich nicht beim Aufbau des Kitastands auf dem Weihnachtsmarkt helfen wolle. Für den Samstagnachmittag hätte man mich ohnehin schon mal zum Crêpe backen eingeteilt, das sei doch in Ordnung, oder? Ich winkte ein „Na gut“ zurück und trat in der nächsten Sekunde mit meiner Tochter durch die Tür nach draußen ins Freie – oder besser: in die Freiheit.

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Ein herrlicher Wintertag: 14:00 Uhr – die Wintersonne stand am Himmel. Die Luft war klar und kalt – es roch nach Schnee. Meine Tochter spekulierte wortreich darüber, ob sich unser Kater wohl mehr über Lachs-Leckerlis oder über Geflügel-Leckerlis als Weihnachtsgeschenk freuen würde. Ich spekulierte wortlos darüber, ob sich meine Tochter, wenn wir zu Hause ankämen, wohl über eine heiße Schokolade freuen würde. Als ich die Haustür aufschloss, sprachen wir zeitgleich die Worte „Heiße Schokolade“ – versehen mit einem Fragezeichen – aus und mussten beide lachen. Der Apfel fällt eben doch nicht weit vom Stamm. Nachdem die heiße Schokolade getrunken war, ging meine Tochter zu ihrer Freundin ins Nachbarhaus, während ich mir noch einen Tee kochte und mich an den Schreibtisch setzte. Die Buchrezension, die ich der Redaktion eigentlich schon für gestern versprochen hatte, wartete noch immer auf ihre Fertigstellung.

Zwei Becher Tee später hatte die Rezension eine akzeptable Form angenommen. Ich lehnte mich zurück und schaute aus dem Fenster. Es war inzwischen dunkel geworden. Halb fünf am Nachmittag. Die Adventszeit könnte so schön sein – der Inbegriff der Gemütlichkeit!

Aus dem Augenwinkel sah ich, dass ein hektisches Blinksignal meines Laptops versuchte Aufmerksamkeit zu erheischen: Der Posteingang zeigte 15 neue Emails an. Pflichtbewusst öffnete ich die Inbox – es könnte ja etwas Wichtiges sein. War es auch! Jedenfalls aus der Sicht der ehrgeizigen Weihnachtsaktivistinnen, denen jedes Mittel recht ist, um ihre hehren und moralisch überlegenen Persönlichkeiten zur Schau zu stellen … und mir en passant die Gemütlichkeit der Adventszeit zu rauben. Fünf Rundmails mit großem Verteiler: Die Rädelsführerin der Sportvereinseltern fragte nach Ideen für ein Weihnachtsgeschenk für den Trainer. Die Vorsitzende der Elternvertreter in der Grundschule, deren Sohn auch im Sportverein ist, hatte in ihrer Eigenschaft als erfahrene, hochrangige Weihnachtsaktivistin bereits umgehend an alle geantwortet, dass es doch nicht zu viel verlangt sei, wenn jede Familie einen kleinen Weihnachtsstern selbst basteln würde und man daraus dann einen Adventskalender für den Trainer machen würde. Begeisterter Zuspruch von den niederrangigeren Weihnachtsaktivistinnen folgte. Jeweils an den gesamten Verteiler – selbstverständlich. Wo leben diese Leute??? Der Trainer ist 19 Jahre alt und das aktuell größte Problem in seinem Leben ist, das Geld für seine Ausbildung an der Meisterschule zusammenzubekommen. Was bitte soll er mit einem voluminösen Adventskalender mit dilettantisch gefertigten Papiersternen? Der Junge bewohnt ein 15 m2 Zimmer in einer Wohngemeinschaft, in welchem kaum Platz für seine Sportsachen ist. Wo bitte soll er mit diesem Papiersternungetüm hin? Wahrscheinlich direkt in den Papiermüll. Aber auch das wäre mehr Problem als Lösung, denn der Papiermüll nur alle 4 Wochen geleert und hat gerade in der Weihnachtszeit die unerklärliche Tendenz, chronisch überfüllt zu sein. Außerdem wird er sich dann wahrscheinlich mit dem schlechten Gefühl der Undankbarkeit herumplagen. Ganz tolle Idee! Vielleicht schenke ich ihm separat noch einen Gutschein für das italienische Restaurant bei ihm um die Ecke, um bei ihm doch noch das gute Gefühl der Freude hervor zu locken.

Es folgte eine Rundmail der Elternsprecherin der Schulklasse meiner Tochter: Man hatte sich für die Lehrerin auf eine Tee-Box als Weihnachtsgeschenk geeinigt und die Eltern mögen doch bitte dafür sorgen, dass jedes Kind einen Teebeutel seiner Wahl weihnachtlich gestaltet. Oh, was für eine liebe Idee! Und so individuell! Brav‘ spendeten die Eltern – überwiegend die Mütter – den sozial erwarteten Beifall. Wie bitte schön soll meine Tochter einen Teebeutel weihnachtlich gestalten??? Einen Tannenbaum auf das briefmarkengroße Papierfähnchen malen? Über die Sortenaufschrift des Tees? Oder einen Zimtstern draufkleben? Und was für einen Tee mag die Lehrerin überhaupt? Ich dachte eigentlich, dass sie lieber Kaffee trinkt.

Es fand sich auch noch eine ähnliche E-Mail von der Elternbeirätin der Kita in meiner Inbox. Sie habe sich mit einigen Müttern bereits im Vorfeld abgestimmt und man wolle der Kita-Erzieherin eine große Plätzchen-Box schenken, die man mit von den Kindern selbst gebackenen Plätzchen füllen wolle. Jedes Kind solle im Verlauf der nächsten Woche ein Tütchen mit ein paar selbstgemachten Plätzchen mitbringen. Schon besser! Natürlich gehöre ich nicht zu dem Kreis der Mütter, mit denen man sich jemals „im Vorfeld abstimmt“, aber ja, auch ich kann mich mit dieser Geschenkidee anfreunden. Mit Plätzchen kann man in der Weihnachtszeit immer etwas anfangen, vorausgesetzt natürlich, dass sie genießbar sind, was bei den in Kinderkreisen üblichen aufwändigen Verzierungen aus schreiend buntem Zuckerguss nicht selbstverständlich ist. Aber immerhin, ich weiß, dass die Kita-Erzieherin eine große Keksfreundin ist, also ist das hier grundsätzlich mal ein passendes Weihnachtsgeschenk. Die Frage, ob sich an dieser Einschätzung vor dem Hintergrund, dass die Gute bei einer Größe von ca. 165 cm mindestens Kleidergröße 50+ trägt und in der Adipositas-Liga ganz weit vorne mitspielt, etwas ändern könnte, lassen wir an dieser Stelle offen.

Gut, nächste Woche müssen wir also Kekse backen. Aber wann? Ich arbeite Vollzeit. Nicht weil ich das so toll finde, sondern weil die Familie ernährt werden will. Zwei Geschäftsreisen stehen an und zwei Weihnachtsfeiern. Es bleibt damit aber immerhin ein Tag übrig, an dem wir backen könnten. Zum Glück!

Ich frage mich, woher diese penetranten Schenkneurotikerinnen die Zeit und Energie nehmen, sich mit der Vielzahl der vorweihnachtlichen Pflichtereignisse, die sie sämtlich selbst kreieren, zu befassen? Haben die sonst nichts zu tun? Die Antwort ist einfach: NEIN, sie haben sonst nichts zu tun! Sie sind alle weiblich, alle zwischen 35 und 45 Jahre alt und natürlich stets bestens informiert und organisiert. Sie sind alle politisch und menschlich absolut korrekt und sehr gut situiert. Kaum eine von ihnen geht einer Arbeit nach. Müssen sie auch nicht, denn sie alle haben sehr gut verdienende Ehemänner.

Ich muss mich hier kurz korrigieren: Sie gehen natürlich einer Arbeit nach, nur eben keiner bezahlten Arbeit. Sie sind Familienverwalterinnen und haben einen geradezu gespenstischen Ehrgeiz in diesem Metier. Der Unterschied zu Leuten wie mir ist aber, dass sie EINER Arbeit nachgehen, während ich ZWEI Arbeiten nachgehe. Und wir reden hier von zwei Vollzeit-Tätigkeiten: Unbezahlte Familienverwalterin und bezahlte Schriftstellerin und Kolumnistin. Es scheint, dass die einberufigen Nur-Familienverwalterinnen nicht ausreichend Anerkennung bekommen, weshalb sie sich regelmäßig zusammenrotten und sämtliche Elternbeiräte aller denkbaren Institutionen infiltrieren und mit moralischem Druck, der seinesgleichen sucht, dazu bewegen, permanent irgendwelche Feierlichkeiten, Mildtätigkeiten oder sonstige Nettigkeiten zu organisieren. Und wer würde da schon Widerspruch wagen? Den Empörungssturm mag ich mir gar nicht ausmalen, wenn ich mich gegen das Organisieren von 30 Schokoladennikoläusen für die Kinder zum Nikolaustag in der Schule aussprechen würde … Dabei wäre das gar nicht abwegig: Die Kinder essen ohnehin viel zu viel Süßes. Gerade in der Adventszeit. Da muss man nicht noch einen weiteren Schokoladen-Nikolaus hinzufügen, für dessen Erwerb nicht nur Geldspenden verordnet werden, sondern dessen Erwerb auch organisiert werden muss. Schließlich müssen sich noch zwei Eltern für die Verteilung in der Schule einen Vormittag freischaufeln. Meiner Meinung nach in jeder Hinsicht kontraproduktiv. Reiner Aktionismus, dessen einziger Zweck es ist, die moralisch einwandfreie Haltung und das Ausmaß der Nettigkeit der dies organisierenden Schenkneurotikerinnen gebührend in Szene zu setzen.

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Der Beschenkte selbst spielt nicht die geringste Rolle und von Herzen kommt hier schon gleich gar nichts. Freude am Schenken hat hier auch niemand – einzig die Weihnachtsaktivistinnen genießen es, sich in ihrer eigenen „Achtsamkeit“ und „Großzügigkeit“ zu sonnen. Eine durch und durch egozentrische Veranstaltung.

Ich antworte nicht. Auf keine dieser Emails. Mein stiller Protest. Zum Boykott wird es letztendlich nicht reichen, denn das würde zu unangenehmen Situationen für meine Tochter führen. Es fällt mir nicht leicht, mich damit abzufinden, dass auch ich am Ende an der Heuchelei teilnehmen werde.

Halb fünf am Nachmittag. Der goldene Weihnachtsstern im Nachbarhaus leuchtet beständig. Neben mir ein noch halbvoller Becher Tee. Ich schaue meinem Kater zu, der sich schnurrend auf meinem Schreibtisch räkelt. Wie erfrischend und wie schön: Er heuchelt nie. Er ist immer echt. Die Wahrheit trägt Fell, auch in der Weihnachtszeit. Ich muss lächeln – trotz allem – um halb Fünf am Nachmittag.

© 2021 Joanna Watson Stein