Ja, das ist lange her! Sehr lange! Und heute – was ist heute? Ich schaue mit Wehmut auf den Stern im Fenster des Nachbarhauses, der so friedlich und golden funkelt. Was für eine Blasphemie! Gerade vorhin hatte ich wieder erlebt, dass Advent und Besinnlichkeit heutzutage rein gar nichts mehr miteinander zu tun haben. Noch viel weniger haben Advent und Frieden etwas miteinander zu tun. Nein, heute ist der einst friedliche, ruhige Advent zu einer anerkannten Wettbewerbsdisziplin in Sachen Selbstdarstellung geworden, die mit peinlicher Akribie in den schlecht sitzenden Mantel der Liebe gezwängt wird. Der Mantel sitzt unter anderem auch deshalb so schlecht, weil er für die übergroßen Egos der Protagonisten viel zu klein ist.
Als ich heute meine Tochter aus der Kita abholte, geriet ich – nicht unerwartet, aber dennoch schutzlos – in die Fänge dieser ehrgeizigen Protagonisten mit den schlecht sitzenden, viel zu kleinen Mänteln: Sie tragen Namen wie Lisa, Christiane, Anja oder Ursel. Es sind Mütter anderer Kinder aus der Kita. Sie sahen sich mit von Ehrgeiz gestählten Gesichtern gegenseitig misstrauisch an. Mich sahen sie noch misstrauischer an, versteht sich. Die Mäntelchen der Liebe wurden noch einmal notdürftig zurechtgezogen. Dennoch konnte ich förmlich hören, wie sich ihre Gedanken zu ganz und gar nicht liebevollen Fragen formten: Wer verschenkt die schönsten Adventskerzen oder Plätzchenboxen? Wer hat am meisten selbst gemacht? Wer hat sich besonders nette Dinge ausgedacht? Eine jede mit dem unbedingten Willen gesegnet, selbst diejenige zu sein, die das Ranking anführt, und zugleich von der latenten Angst erfüllt, möglicherweise einer der Konkurrentinnen zu unterliegen.
Von ruhiger Besinnlichkeit nicht die geringste Spur. Lautstarkes, hektisches Stimmendurcheinander bei den Versuchen, sich mit ach so netten Ideen gegenseitig zu übertreffen. Eine der Mütter, die selbstverständlich sowohl im Elternbeirat der Kita als auch in dem der Grundschule mitwirkt, fragte, ob es nicht angemessen wäre, noch einen Adventskalender für den Lehrer anzufertigen? Eine rhetorische Frage, versteht sich. Was sie eigentlich zum Ausdruck bringen wollte war: „Seht her, ich bin ein viel besserer Mensch als ihr, habe stets das Wohl meiner Mitmenschen im Sinn und habe deshalb – anders als ihr – an den Lehrer gedacht.“ Sofort fiel ihr eine andere, ähnlich engagierte Mutter ins Wort und stellte mit leicht erhobener Stimme fest, dass auch ein Geschenk für den Trainer im Sportverein ein absolutes Muss sei! Hinter mir warf eine weitere Mutter lauthals mit leicht beleidigtem Unterton in die Diskussion, dass aber doch der Adventskalender für die Kita-Erzieher absolute Priorität hätte! Und dann schaltete sich auch eine vierte Mutter mit einer leisen, aber bestimmten Stimme, die niemals Widerspruch duldet, ein und belehrte alle Anwesenden, dass sie kürzlich etwas von einer Hilfsinitiative für Kinder in Myanmar gelesen habe. Wir hätten als gute, interessierte und vor allem mitfühlende Menschen uns sicher alle schon selbst über diese Initiative informiert. Sie konnte das Wort Myanmar zwar nicht fehlerfrei aussprechen, ermahnte jedoch alle Anwesenden oberlehrerhaft und nachdrücklich, dass es selbstverständlich unser aller moralische Pflicht sei, diese Initiative durch Spende eines gefüllten Päckchens zu unterstützen. Und genau das war es, was mein Unbehagen in einen unbezwingbaren Fluchtinstinkt umschlagen ließ: Man war sich über „Verpflichtungen“ einig! Von Liebe, Nächstenliebe, von Geschenken oder Taten, die von Herzen kommen, keine Rede und noch nicht einmal ein Gedanke. Nicht zum ersten Mal blitzte die Erkenntnis auf, dass mich mit diesen Menschen nichts verband. Im Gegenteil, sie hatten die Kita annektiert und ich befand mich damit dort auf feindlichem Territorium. Gott sei Dank erschien in diesem Moment der rettende Engel in Gestalt meiner fertig angezogenen Tochter und wir machten uns auf den Heimweg. Kaum an der Tür, rief jemand noch hinter mir her, ob ich nicht beim Aufbau des Kitastands auf dem Weihnachtsmarkt helfen wolle. Für den Samstagnachmittag hätte man mich ohnehin schon mal zum Crêpe backen eingeteilt, das sei doch in Ordnung, oder? Ich winkte ein „Na gut“ zurück und trat in der nächsten Sekunde mit meiner Tochter durch die Tür nach draußen ins Freie – oder besser: in die Freiheit.