Halb Fünf am Nachmittag

Eine Adventsgeschichte. Die Prosaversion des Gedichts „Advent“

Halb Fünf am Nachmittag. Ich schaue aus dem Fenster. Es ist schon dunkel, der Himmel in dumpfes Schwarz gehüllt. Die Straßenbeleuchtung wirkt zu grell, aber immerhin leuchtet im Fenster des Nachbarhauses ein Weihnachtsstern in warmen Goldtönen.

Advent, Advent ein Lichtlein brennt … So dunkel wie der Himmel ist, so dunkel erinnere ich mich an eine Zeit, in der der Advent die Zeit der Besinnlichkeit war, die Zeit der Ruhe, des Friedens und der Gemütlichkeit: Bei Kerzenschein zusammen Tee trinken, während ein leichter Zimtgeruch aus der Küche herüber zieht, in der sich die Boxen mit den frisch gebackenen Plätzchen stapeln. Man saß beisammen, unterhielt sich und überlegte, worüber sich die besten Freunde, die Eltern und natürlich die Kinder zu Weihnachten freuen würden. Und irgendwie hing über allem die Vorfreude auf das Weihnachtsfest. Das Wort „Pflichten“ kam uns im Zusammenhang mit dem Weihnachtsfest nur sehr selten in den Sinn. Umso öfter allerdings die Worte „Freude bereiten“. Neben uns wohnte eine ältere Dame, die wohl keine Familie hatte. Für sie stellten wir immer eine extra Box mit Plätzchen bereit. Außerdem hatte unsere Gemeinde eine Patenschaft für einen Ort an der Elfenbeinküste, in welchem große Armut herrschte, und so packten einige Familien – und auch wir – zum 2. Advent immer ein großes Weihnachtspaket für eine dort lebende Familie. Es wurde von niemandem erwartet, dass wir das taten, wir taten es einfach. Und wir taten es gern! Weil wir es wollten. Wir freuten uns jedes Jahr darauf – es war niemals eine Pflicht.

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Ja, das ist lange her! Sehr lange! Und heute – was ist heute? Ich schaue mit Wehmut auf den Stern im Fenster des Nachbarhauses, der so friedlich und golden funkelt. Was für eine Blasphemie! Gerade vorhin hatte ich wieder erlebt, dass Advent und Besinnlichkeit heutzutage rein gar nichts mehr miteinander zu tun haben. Noch viel weniger haben Advent und Frieden etwas miteinander zu tun. Nein, heute ist der einst friedliche, ruhige Advent zu einer anerkannten Wettbewerbsdisziplin in Sachen Selbstdarstellung geworden, die mit peinlicher Akribie in den schlecht sitzenden Mantel der Liebe gezwängt wird. Der Mantel sitzt unter anderem auch deshalb so schlecht, weil er für die übergroßen Egos der Protagonisten viel zu klein ist.

Als ich heute meine Tochter aus der Kita abholte, geriet ich – nicht unerwartet, aber dennoch schutzlos – in die Fänge dieser ehrgeizigen Protagonisten mit den schlecht sitzenden, viel zu kleinen Mänteln: Sie tragen Namen wie Lisa, Christiane, Anja oder Ursel. Es sind Mütter anderer Kinder aus der Kita.  Sie sahen sich mit von Ehrgeiz gestählten Gesichtern gegenseitig misstrauisch an. Mich sahen sie noch misstrauischer an, versteht sich. Die Mäntelchen der Liebe wurden noch einmal notdürftig zurechtgezogen. Dennoch konnte ich förmlich hören, wie sich ihre Gedanken zu ganz und gar nicht liebevollen Fragen formten: Wer verschenkt die schönsten Adventskerzen oder Plätzchenboxen? Wer hat am meisten selbst gemacht? Wer hat sich besonders nette Dinge ausgedacht? Eine jede mit dem unbedingten Willen gesegnet, selbst diejenige zu sein, die das Ranking anführt, und zugleich von der latenten Angst erfüllt, möglicherweise einer der Konkurrentinnen zu unterliegen.

Von ruhiger Besinnlichkeit nicht die geringste Spur. Lautstarkes, hektisches Stimmendurcheinander bei den Versuchen, sich mit ach so netten Ideen gegenseitig zu übertreffen. Eine der Mütter, die selbstverständlich sowohl im Elternbeirat der Kita als auch in dem der Grundschule mitwirkt, fragte, ob es nicht angemessen wäre, noch einen Adventskalender für den Lehrer anzufertigen? Eine rhetorische Frage, versteht sich. Was sie eigentlich zum Ausdruck bringen wollte war: „Seht her, ich bin ein viel besserer Mensch als ihr, habe stets das Wohl meiner Mitmenschen im Sinn und habe deshalb – anders als ihr – an den Lehrer gedacht.“ Sofort fiel ihr eine andere, ähnlich engagierte Mutter ins Wort und stellte mit leicht erhobener Stimme fest, dass auch ein Geschenk für den Trainer im Sportverein ein absolutes Muss sei! Hinter mir warf eine weitere Mutter lauthals mit leicht beleidigtem Unterton in die Diskussion, dass aber doch der Adventskalender für die Kita-Erzieher absolute Priorität hätte! Und dann schaltete sich auch eine vierte Mutter mit einer leisen, aber bestimmten Stimme, die niemals Widerspruch duldet, ein und belehrte alle Anwesenden, dass sie kürzlich etwas von einer Hilfsinitiative für Kinder in Myanmar gelesen habe. Wir hätten als gute, interessierte und vor allem mitfühlende Menschen uns sicher alle schon selbst über diese Initiative informiert. Sie konnte das Wort Myanmar zwar nicht fehlerfrei aussprechen, ermahnte jedoch alle Anwesenden oberlehrerhaft und nachdrücklich, dass es selbstverständlich unser aller moralische Pflicht sei, diese Initiative durch Spende eines gefüllten Päckchens zu unterstützen. Und genau das war es, was mein Unbehagen in einen unbezwingbaren Fluchtinstinkt umschlagen ließ: Man war sich über „Verpflichtungen“ einig! Von Liebe, Nächstenliebe, von Geschenken oder Taten, die von Herzen kommen, keine Rede und noch nicht einmal ein Gedanke. Nicht zum ersten Mal blitzte die Erkenntnis auf, dass mich mit diesen Menschen nichts verband. Im Gegenteil, sie hatten die Kita annektiert und ich befand mich damit dort auf feindlichem Territorium. Gott sei Dank erschien in diesem Moment der rettende Engel in Gestalt meiner fertig angezogenen Tochter und wir machten uns auf den Heimweg. Kaum an der Tür, rief jemand noch hinter mir her, ob ich nicht beim Aufbau des Kitastands auf dem Weihnachtsmarkt helfen wolle. Für den Samstagnachmittag hätte man mich ohnehin schon mal zum Crêpe backen eingeteilt, das sei doch in Ordnung, oder? Ich winkte ein „Na gut“ zurück und trat in der nächsten Sekunde mit meiner Tochter durch die Tür nach draußen ins Freie – oder besser: in die Freiheit.

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Ein herrlicher Wintertag: 14:00 Uhr – die Wintersonne stand am Himmel. Die Luft war klar und kalt – es roch nach Schnee. Meine Tochter spekulierte wortreich darüber, ob sich unser Kater wohl mehr über Lachs-Leckerlis oder über Geflügel-Leckerlis als Weihnachtsgeschenk freuen würde. Ich spekulierte wortlos darüber, ob sich meine Tochter, wenn wir zu Hause ankämen, wohl über eine heiße Schokolade freuen würde. Als ich die Haustür aufschloss, sprachen wir zeitgleich die Worte „Heiße Schokolade“ – versehen mit einem Fragezeichen – aus und mussten beide lachen. Der Apfel fällt eben doch nicht weit vom Stamm. Nachdem die heiße Schokolade getrunken war, ging meine Tochter zu ihrer Freundin ins Nachbarhaus, während ich mir noch einen Tee kochte und mich an den Schreibtisch setzte. Die Buchrezension, die ich der Redaktion eigentlich schon für gestern versprochen hatte, wartete noch immer auf ihre Fertigstellung.

Zwei Becher Tee später hatte die Rezension eine akzeptable Form angenommen. Ich lehnte mich zurück und schaute aus dem Fenster. Es war inzwischen dunkel geworden. Halb fünf am Nachmittag. Die Adventszeit könnte so schön sein – der Inbegriff der Gemütlichkeit!

Aus dem Augenwinkel sah ich, dass ein hektisches Blinksignal meines Laptops versuchte Aufmerksamkeit zu erheischen: Der Posteingang zeigte 15 neue Emails an. Pflichtbewusst öffnete ich die Inbox – es könnte ja etwas Wichtiges sein. War es auch! Jedenfalls aus der Sicht der ehrgeizigen Weihnachtsaktivistinnen, denen jedes Mittel recht ist, um ihre hehren und moralisch überlegenen Persönlichkeiten zur Schau zu stellen … und mir en passant die Gemütlichkeit der Adventszeit zu rauben. Fünf Rundmails mit großem Verteiler: Die Rädelsführerin der Sportvereinseltern fragte nach Ideen für ein Weihnachtsgeschenk für den Trainer. Die Vorsitzende der Elternvertreter in der Grundschule, deren Sohn auch im Sportverein ist, hatte in ihrer Eigenschaft als erfahrene, hochrangige Weihnachtsaktivistin bereits umgehend an alle geantwortet, dass es doch nicht zu viel verlangt sei, wenn jede Familie einen kleinen Weihnachtsstern selbst basteln würde und man daraus dann einen Adventskalender für den Trainer machen würde. Begeisterter Zuspruch von den niederrangigeren Weihnachtsaktivistinnen folgte. Jeweils an den gesamten Verteiler – selbstverständlich. Wo leben diese Leute??? Der Trainer ist 19 Jahre alt und das aktuell größte Problem in seinem Leben ist, das Geld für seine Ausbildung an der Meisterschule zusammenzubekommen. Was bitte soll er mit einem voluminösen Adventskalender mit dilettantisch gefertigten Papiersternen? Der Junge bewohnt ein 15 m2 Zimmer in einer Wohngemeinschaft, in welchem kaum Platz für seine Sportsachen ist. Wo bitte soll er mit diesem Papiersternungetüm hin? Wahrscheinlich direkt in den Papiermüll. Aber auch das wäre mehr Problem als Lösung, denn der Papiermüll nur alle 4 Wochen geleert und hat gerade in der Weihnachtszeit die unerklärliche Tendenz, chronisch überfüllt zu sein. Außerdem wird er sich dann wahrscheinlich mit dem schlechten Gefühl der Undankbarkeit herumplagen. Ganz tolle Idee! Vielleicht schenke ich ihm separat noch einen Gutschein für das italienische Restaurant bei ihm um die Ecke, um bei ihm doch noch das gute Gefühl der Freude hervor zu locken.

Es folgte eine Rundmail der Elternsprecherin der Schulklasse meiner Tochter: Man hatte sich für die Lehrerin auf eine Tee-Box als Weihnachtsgeschenk geeinigt und die Eltern mögen doch bitte dafür sorgen, dass jedes Kind einen Teebeutel seiner Wahl weihnachtlich gestaltet. Oh, was für eine liebe Idee! Und so individuell! Brav‘ spendeten die Eltern – überwiegend die Mütter – den sozial erwarteten Beifall. Wie bitte schön soll meine Tochter einen Teebeutel weihnachtlich gestalten??? Einen Tannenbaum auf das briefmarkengroße Papierfähnchen malen? Über die Sortenaufschrift des Tees? Oder einen Zimtstern draufkleben? Und was für einen Tee mag die Lehrerin überhaupt? Ich dachte eigentlich, dass sie lieber Kaffee trinkt.

Es fand sich auch noch eine ähnliche E-Mail von der Elternbeirätin der Kita in meiner Inbox. Sie habe sich mit einigen Müttern bereits im Vorfeld abgestimmt und man wolle der Kita-Erzieherin eine große Plätzchen-Box schenken, die man mit von den Kindern selbst gebackenen Plätzchen füllen wolle. Jedes Kind solle im Verlauf der nächsten Woche ein Tütchen mit ein paar selbstgemachten Plätzchen mitbringen. Schon besser! Natürlich gehöre ich nicht zu dem Kreis der Mütter, mit denen man sich jemals „im Vorfeld abstimmt“, aber ja, auch ich kann mich mit dieser Geschenkidee anfreunden. Mit Plätzchen kann man in der Weihnachtszeit immer etwas anfangen, vorausgesetzt natürlich, dass sie genießbar sind, was bei den in Kinderkreisen üblichen aufwändigen Verzierungen aus schreiend buntem Zuckerguss nicht selbstverständlich ist. Aber immerhin, ich weiß, dass die Kita-Erzieherin eine große Keksfreundin ist, also ist das hier grundsätzlich mal ein passendes Weihnachtsgeschenk. Die Frage, ob sich an dieser Einschätzung vor dem Hintergrund, dass die Gute bei einer Größe von ca. 165 cm mindestens Kleidergröße 50+ trägt und in der Adipositas-Liga ganz weit vorne mitspielt, etwas ändern könnte, lassen wir an dieser Stelle offen.

Gut, nächste Woche müssen wir also Kekse backen. Aber wann? Ich arbeite Vollzeit. Nicht weil ich das so toll finde, sondern weil die Familie ernährt werden will. Zwei Geschäftsreisen stehen an und zwei Weihnachtsfeiern. Es bleibt damit aber immerhin ein Tag übrig, an dem wir backen könnten. Zum Glück!

Ich frage mich, woher diese penetranten Schenkneurotikerinnen die Zeit und Energie nehmen, sich mit der Vielzahl der vorweihnachtlichen Pflichtereignisse, die sie sämtlich selbst kreieren, zu befassen? Haben die sonst nichts zu tun? Die Antwort ist einfach: NEIN, sie haben sonst nichts zu tun! Sie sind alle weiblich, alle zwischen 35 und 45 Jahre alt und natürlich stets bestens informiert und organisiert. Sie sind alle politisch und menschlich absolut korrekt und sehr gut situiert. Kaum eine von ihnen geht einer Arbeit nach. Müssen sie auch nicht, denn sie alle haben sehr gut verdienende Ehemänner.

Ich muss mich hier kurz korrigieren: Sie gehen natürlich einer Arbeit nach, nur eben keiner bezahlten Arbeit. Sie sind Familienverwalterinnen und haben einen geradezu gespenstischen Ehrgeiz in diesem Metier. Der Unterschied zu Leuten wie mir ist aber, dass sie EINER Arbeit nachgehen, während ich ZWEI Arbeiten nachgehe. Und wir reden hier von zwei Vollzeit-Tätigkeiten: Unbezahlte Familienverwalterin und bezahlte Schriftstellerin und Kolumnistin. Es scheint, dass die einberufigen Nur-Familienverwalterinnen nicht ausreichend Anerkennung bekommen, weshalb sie sich regelmäßig zusammenrotten und sämtliche Elternbeiräte aller denkbaren Institutionen infiltrieren und mit moralischem Druck, der seinesgleichen sucht, dazu bewegen, permanent irgendwelche Feierlichkeiten, Mildtätigkeiten oder sonstige Nettigkeiten zu organisieren. Und wer würde da schon Widerspruch wagen? Den Empörungssturm mag ich mir gar nicht ausmalen, wenn ich mich gegen das Organisieren von 30 Schokoladennikoläusen für die Kinder zum Nikolaustag in der Schule aussprechen würde … Dabei wäre das gar nicht abwegig: Die Kinder essen ohnehin viel zu viel Süßes. Gerade in der Adventszeit. Da muss man nicht noch einen weiteren Schokoladen-Nikolaus hinzufügen, für dessen Erwerb nicht nur Geldspenden verordnet werden, sondern dessen Erwerb auch organisiert werden muss. Schließlich müssen sich noch zwei Eltern für die Verteilung in der Schule einen Vormittag freischaufeln. Meiner Meinung nach in jeder Hinsicht kontraproduktiv. Reiner Aktionismus, dessen einziger Zweck es ist, die moralisch einwandfreie Haltung und das Ausmaß der Nettigkeit der dies organisierenden Schenkneurotikerinnen gebührend in Szene zu setzen.

Photo by Hert Niks on Pexels.com

Der Beschenkte selbst spielt nicht die geringste Rolle und von Herzen kommt hier schon gleich gar nichts. Freude am Schenken hat hier auch niemand – einzig die Weihnachtsaktivistinnen genießen es, sich in ihrer eigenen „Achtsamkeit“ und „Großzügigkeit“ zu sonnen. Eine durch und durch egozentrische Veranstaltung.

Ich antworte nicht. Auf keine dieser Emails. Mein stiller Protest. Zum Boykott wird es letztendlich nicht reichen, denn das würde zu unangenehmen Situationen für meine Tochter führen. Es fällt mir nicht leicht, mich damit abzufinden, dass auch ich am Ende an der Heuchelei teilnehmen werde.

Halb fünf am Nachmittag. Der goldene Weihnachtsstern im Nachbarhaus leuchtet beständig. Neben mir ein noch halbvoller Becher Tee. Ich schaue meinem Kater zu, der sich schnurrend auf meinem Schreibtisch räkelt. Wie erfrischend und wie schön: Er heuchelt nie. Er ist immer echt. Die Wahrheit trägt Fell, auch in der Weihnachtszeit. Ich muss lächeln – trotz allem – um halb Fünf am Nachmittag.

© 2021 Joanna Watson Stein

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