Das Delta

Wir sehen beide auf das Meer.
Du sagst, Du magst das Blau so sehr.
Ja – unvergleichlich schön ist dieses Blau!
Doch was siehst Du ganz genau?
Wie sieht „Blau“ mit Deinen Augen aus?
Welche Assoziation entsteht für Dich daraus?
Niemals werde ich erfahren,
ob unsere Wahrnehmungen identisch waren.
Niemals werde ich mit Deinen Augen sehen,
Dich niemals 100% verstehen.
Immer wird dies kleine Delta existieren,
über dessen wahres Ausmaß wir stetig spekulieren.

Wenn …

Wenn heute gestern und zugleich morgen ist,
wenn im Chaos man die Ordnung nicht vermisst,
wenn alles gar nichts zählt,
wenn einem dennoch gar nichts fehlt,
wenn man Schweres mit Leichtigkeit besiegt,
wenn der Hauch eines Gefühls dagegen sehr schwer wiegt,
wenn die Angst zu scheitern sich im Tatendrang verliert, 
wenn jeder Gedanke schon den nächsten inspiriert,
wenn man gar nichts sucht und alles findet,
wenn im tristen Grau dennoch die Tristesse verschwindet,

Die Seiltänzerin

Die Bodenhaftung früh verloren,
hat sie ein Drahtseil zwischen sich und ihren Träumen aufgespannt,
auf dem sie sehr graziös ihr Leben tanzt.
Als Lebensakrobat ist sie geboren!

Ihr Leben – ein virtuoser Drahtseilakt:
Stets plant sie minutiös, um dann tollkühn zu entscheiden:
Jeder Schritt das Abenteuer, in der Balance zu bleiben,
und ein Sieg über die Angst, die sie vor dem Abgrund hat.

Manche Nächte

Alles in Ordnung in diesen Tagen,
kann mich wirklich nicht beklagen.
Doch in manchen Nächten grau und kalt
öffnet sich ein Spalt,
durch den tröpfelt Erinnerung ganz sacht:
Kleine gold‘ne Tropfen aus Wärme und aus Liebe zu dieser Welt gemacht,
die sich zu einem tiefen See des Glückes formen.
Das Gefühl, man ist mit Gewissheit angekommen:
Eins mit sich selbst und frei von Sorgen,
frei von dem Streben nach einem besseren Morgen.
Dieses Gefühl so unbeschreiblich wunderbar

Grund 101

Hundert Gründe kann ich Dir nennen,
warum es besser wäre, sich zu trennen:
Du möchtest mit mir zusammen leben,
ich will die Freiheit nicht aufgeben.
Du magst gern in mitten vieler Leute sein,
ich bin am liebsten ganz allein.
Kunst und Design hat Dich nur am Rande interessiert,
für mich ist es von elementarem Wert.
Dafür fasziniert Dich die Vergangenheit,
für mich ist sie höchstens eine Nebensächlichkeit.

Die Illusion

Zaghaft betrat die Idee den Horizont
Hat sich dort in vager Möglichkeit gesonnt
Konnte sie schon von weitem gut erkennen
Sie von der Realität kaum trennen
Glanzvoll und farbenfroh erschien sie mir
Greifbar und auf direktem Weg ins Jetzt und Hier

Malte mir euphorisch aus, mit ihr neue Wege zu beschreiten
Und lies mich schnell dazu verleiten
Umstände, die eventuell Probleme schufen
Ausnahmslos als lösbar einzustufen

Neid

Nun ist des einen Glück und Freud‘
Ein Grund für eines and’ren Neid
In Folge dessen zuweilen auch eines Dritten Leid
Denn aus dem Keim des Neides blüht die Böswilligkeit 

Neid erwächst aus einem Sumpf von Unzufriedenheit
Ein Glücklicher sich dagegen an des And’ren Glück erfreut
Insofern ist der Kern der Schwierigkeit
Das Unglück als Nährboden, auf dem der Neid gedeiht 

Der Aufbruch

Zustand in einer Lebensphase letztem Akt
Nach vorn gerichteter Esprit
Visionen, Tatendrang und Freigefühl – hab‘ alles schon zusammengepackt
Das Ziel per heute nur vage Utopie

Muss noch ordnen ein, zwei letzte Dinge
Hier und dort noch ein paar Abschiede verfassen
Wär‘ froh, wenn das schnell vorüber ginge
Möcht‘ aber alles gut geregelt hinterlassen

Lachen

Vor kurzem traf ich dieses Zwillingspaar
In einer spelunkenhaften Cocktail-Bar
Wo man lässig sie am Tresen lehnen sah
Ihr verschmitzter Charme unwiderstehlich war

Gelassen lächelnd stellten sie sich vor
Yin und Yang der Leichtigkeit: Das Lachen und sein Bruder, der Humor
Jede Spur von Sorge, die der Tag zuvor heraufbeschwor
Sich in ihrer Gegenwart sogleich im Nichts verlor