Vielleicht

Die Ahnung zart und leicht,
die zur Gewissheit noch nicht reicht.
Die Idee, die sich forsch in die Gedanken schleicht,
doch das Terrain der Logik nicht erreicht.
Das Gefühl, das dem der Liebe gleicht,
und dennoch nicht das Herz erweicht.
Die Erinnerung, die durch die Sinne streicht
und – bevor sie klare Form annimmt – entweicht.
Die Eindrücke aus Morpheus’ Reich:
Schemenhaft und intensiv zugleich.
Worte wohlklingend, doch phrasenhaft und seicht,
so dass jede Aussage vor Scham zur Unkenntlichkeit erbleicht.

Sie alle eint, dass es zur Eindeutigkeit nicht reicht:
Während die Klarheit vor dem Nebelhaften weicht 
und das Vage die Bedeutung unterstreicht,
umweht sie alle dieses unmissverständliche VIELLEICHT

© Joanna W. Stein 2024

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VIEL einFALT

Abzulehnen ist ein diktatorisches System,
insbesondere wegen der Art mit Meinungsvielfalt umzugehen.
Unerwünschte Auffassungen zu haben, kann man dort kaum wagen:
Bitter ist  das Fehlen der Meinungsfreiheit zu beklagen!

Ist diese Unterdrückung aber überwunden
und endlich Toleranz gefunden,
stellen manche Vielfaltskämpfer fest,
dass nun nicht nur Raum für ihre Meinung, sondern auch für ihnen nicht genehme Denkansätze ist.

Die Geister, die sie einst so dringlich riefen,
ihren Wünschen unversehens zuwiderliefen.
Findig wird die Problematik adressiert,
der Vielfaltskämpfer unbemerkt zum skrupellosen Wendehals mutiert.

Vielfalt wird flugs in „Spaltung“ umgedeutet,
was angeblich Unheil für den Zusammenhalt bedeutet. 
Großer Aufwand wird auch medial getrieben,
geschäftig wird die böse Spaltung Tag für Tag herbeigeschrieben.

Man staunt, denn Unterschiede hat es immer schon gegeben,
zwischen Nord und Süd und Jung und Alt – das ist das ganz normale Leben.
Auseinandersetzung bringt Erkenntnis – für die Gesellschaft ein Gewinn
Unterschiede geben Demokratie und Meinungsvielfalt doch erst ihren Sinn!

In der „Spaltung“ wird nun aber die Rechtfertigung gesehen,
gegen andere Meinungen gnadenlos ins Feld zu ziehen:
Wie Don Quijote, der in Windmühlen reale Feinde sah,
hysterisch und so gefährlich wie bizarr!

Alle Meinungen, die den eigenen zuwiderlaufen,
verbrennt man nun respektlos plakativ auf dem sozialen Scheiterhaufen.
Inhaltliche Auseinandersetzung wird verweigert,
man sich stattdessen in eine Hybris der Moral ‘reinsteigert.

Kann es nicht fassen, dass Menschen sich aus freiem Willen
und mit Überzeugung in die Dienste dieses Irrsinns stellen.
Wo die Meinungsvielfalt in Gefahr,
sind Engstirnigkeit und Diktatur wieder bedenklich nah!

© 2024 Joanna W. Stein

Photo by Mikhail Nilov on Pexels.com
Photo by Mikhail Nilov on Pexels.com

Eisblume

So fein, so filigran,
rührt sie so manches Herz aufs Tiefste an.
Von makelloser Schönheit ihr Gesicht,
doch was Wärme ist, das weiß sie nicht.

Sie ist glasklar und bleibt eiskalt,
setzt auf ihre zauberhaft ästhetische Gestalt,
von der sich mancher allzu gerne blenden ließ,
was für sie ein leichtes Spiel für berechneten Erfolg verhieß.

Gefühle sind ihr gänzlich fremd,
kennt weder Mitleid, noch die Leidenschaft, die feurig brennt,
denn dies würde sie zum Schmelzen bringen
und unabänderlich ihren Untergang bedingen.

Verführt durch ihre klaren, reinen Züge
meinen viele, dass sie die Ästhetik auch in ihrem Wesen trüge,
sind schnell bereit, sich vorbehaltlos auf sie einzulassen,
die Wahrheiten derweil in euphorischer Glückseligkeit verblassen.

Die betörend schöne Eisblume kühl und raffiniert
so manches Fenster und so manches Leben ziert.
Doch kurz ist ihr Leben – schon ein wenig (Herzens)Wärme kann ihr Ende sein,
d’rum neig‘ ich für den Moment dazu, ihr die Eiseskälte zu verzeihen.

© Joanna W. Stein

Photo by Christoph Waghubinger (Lewenstein)

Klartext

Ich liebe deinen Dialekt,
der in jedem deiner Wörter steckt.
Kaum einer spricht ihn heute noch,
dagegen versteht ihn jeder doch.
Jedes Wort so klar wie ein Kristall,
ungeschminkter Wörterfall,
der sich nicht vor unbequemen Sätzen scheut
und den Kern der Wahrheit stets erreicht,
der – aller Risiken zum Trotz – Sätze in die tiefsten Tiefen dringen lässt:
Deine Sprache ist so samtig weich wie felsenfest!

Phrasen verstehst du naturgemäß eher schlecht,
auch wird dein Dialekt dem Smalltalk nicht gerecht,
denn du kommst mit wenig Worten in deinen Sätzen aus, 
weil du dich das klare Wort zu nutzen traust.
Eindeutigkeit ist eines deiner Markenzeichen,
alles Beiwerk hat der Prägnanz zu weichen.
Immer weiß man ganz genau, woran man bei dir ist.
Wer das Blumige bei deinem Dialekt vermisst,
der sei kurz daran erinnert,
dass hinter jedem Schnörkel auch ein Missverständnis schimmert.

So Manchem fehlt die Eleganz in deinem Dialekt,
dafür umso mehr Bedeutung in deiner Sprache steckt.
Zuweilen hoff ‘ ich auf einen Abend ganz mit dir allein:
Unendlich entspannend könnte es sein,
mit dir alles gleich auf den Punkt zu bringen
und langatmige Aussagedubletten schlicht zu überspringen.
Farbe würden wir mit jedem Satz bekennen
und uns in schillernd buntem Gespräch dann sonnen.
Geduld wird mit dir nie strapaziert,
zu faszinierend ist es, wenn man es mit Klartext mal probiert.

© Joanna W. Stein 2023

Foto by FOX at pixels.com

Das Kind

Erst in dann bei mir aufgewachsen, 
uns gegenseitig ge- und eingeprägt,
schließlich über mich und sich hinausgewachsen
und trotz mancher Steine auf gangbarem Weg.

Hat Vertrauen mir zum Geschenk gemacht,
zutiefst verbunden und doch ewig fremd.
An meine Grenzen hat es mich gelegentlich gebracht,
während es selber keine Grenzen kennt.

Hat mich mit Glück berauscht,
meine Kräfte spielend aufgezehrt,
gegen Liebe eingetauscht
und sorglos Sorgen mir im Überfluss beschert.

Hat jede Hilfe grundsätzlich ignoriert,
mein Lächeln so mühelos wie meine Wut entfacht.
Abenteuerlichstes ausprobiert
und Überraschenstes dann vollbracht.

Längst schon ist es unabhängig – lebt sein eignes Leben,
in dem wir grundsätzlich auf Augenhöhe sind.
Und doch wird es sie zwischen uns auf immer geben,
diese feine Nuance von Mutter und von Kind.

© Joanna Watson Stein

Freundesland

Das Gras scheint grüner, dort wo du stehst;
viel gerader scheint der Weg, auf dem du gehst.
Jede Kreuzung scheint Wegweiser für dich zu haben:
Nie scheinen dich Entscheidungen zu plagen,
welcher Weg nun gangbar und richtig für dich ist,
hast nie die Möglichkeiten eines and’ren Wegs vermisst.
Bestätigung scheint überall in deinem Land zu wachsen,
die Steine auf deinem Weg alle rund geformt,
_ so dass sie weder Schuhe noch das Selbstvertrauen ankratzen.
Dürre kennt dein Landstrich nicht:
Regelmäßig regnet es angenehme Zuversicht.
Eine Quelle spendet stetig sprudelnd Lebenssinn,
ein Bach voll Lebenslust plätschert fröhlich an deinem Wegesrand dahin.
Bist stets bemüht, dein Land mit Neugier weiter zu erkunden
und hast ganz zufällig dabei das Glück gefunden.
Manchmal bleib‘ ich auf meinem krummen, schmalen Pfad
_ nah‘ deiner Landesgrenze stehen
und genieße es, dein wunderschönes Paradies von Weitem anzusehen.
Hast mich immer wieder herzlichst zu dir eingeladen,
doch ich weiß, man sollte für dein Land ein sorgenfreies Visum haben!
Bin sehr glücklich, dass wir uns auch aus der Ferne in aller Innigkeit verstehen
und wende mich lächelnd auf meinem kleinen Pfad zum Weitergehen.

© Joanna Watson Stein

Photo by James Wheeler on Pexels.com

Regen

Ein heißer Sommertag neigt sich dem Ende:
Aufgeheizt sind Straßen, Wege, Häuserwände.
In jedem Haus die Fenster offen,
als würden auch sie auf des Abends Kühle hoffen.

Erschöpft lassen wir uns auf die Laken sinken,
überlegen, ob wir ein Glas kühlen Weißwein trinken,
reden leise, lassen uns von der schweren Sommerwärme träg‘ verführen.
Nichts regt sich – nicht der kleinste Luftzug ist zu spüren.

Wenig später sind tief schwarze Wolken aufgezogen:
Bedrohlicher Anblick von gespenstischer Ruhe durchwoben.
Plötzlich ein Blitz, ein Donner – dann bricht es los!
Regen prasselt lautstark auf das Pflaster vor dem Erdgeschoss.

Kleine Tropfen wehen mir durch‘s offene Fenster ins Gesicht:
Sanftes kühles Feucht – wie die Meeresgischt!
Ausgestreckt lauschen wir dem trommelnden Regen:
Tobendes Gewitter kann tiefen Frieden geben.

Ein frischer Lufthauch zieht in das Zimmer rein,
nichts könnte entspannender als dieser gleichmäßig fallende Regen sein!
Schließe selig die Augen – vollkommenes Glück –
und lasse jeden Verdruss draußen im Regen zurück. 

© Joanna Watson Stein

Photo by Pixabay on Pexels.com

SELBST ICH!

Seit jeher vor mir SELBST davon gerannt,
obwohl ICH mich vermeintlich auf dem Weg zum SELBST befand.
Bin weit gekommen, doch nirgends angelangt.

Verletzlich ICH im Leben stand,
da sich das SELBST nicht schützend um mich rankt
und ICH zwar Werte, doch nicht den Wert des SELBST empfand.

Während manch einer sein SELBST verliebt erkannt
und sein Leben elegant zum Glück gewandt,
ICH mich schließlich SELBSTlos sinnvoll fand.

Betrachtete mein Spiegelbild zuweilen unverwandt,
wenn es mir trotz allem die Sehnsucht nach dem SELBST gestand,
weil das ICH nur mit dem SELBST zu harmonischer Balance gelangt.

Gestern dann, an diesem Sommertag am Strand,
als in menschenleeren Dünen tiefe Ruhe in mich drang,
hab‘ ICH zum ersten Mal den Umriss meiner SELBST im Schattenwurf erkannt!

© 2022 Joanna Watson Stein

Photo by Eric Goverde on Pexels.com

Der Ausflug

Vom Zwielicht der Dämmerung verborgen,
unbemerkt von meinen Alltagssorgen,
stahl‘ ich mich still und leise fort
zu diesem ganz speziellen Ort.

Schimmernd der Spiegel des klaren, ruhigen Sees,
in dessen reines Wasser ich die Gedanken gleiten ließ:
Frei, die pure Klarheit zu genießen
und in die Tiefe bis auf den Grund zu fließen.

Unberührte Blumenwiese – kein Hauch die zarte Pracht bewegte,
auf deren filigrane Halme ich behutsam die Gefühle legte,
in duftenden Nuancen zu erblühen,
das vielfältige Leben in seiner Feinheit zu berühren.

Überwältigend die Felsen: Erhaben überdauern sie den Zeitenlauf!
Machte mich in ihre Richtung auf,
mich zu verlieren in ihrer immer währenden Geborgenheit,
frei zu sein auf diesem Fundament der Ewigkeit.

Blieb bis dass der Tag vollends erwachte.
Als ich mich schließlich auf den Heimweg machte
und ein wenig zögernd durch die Tür in Richtung Alltag ging,
mich zu meiner Überraschung dort lächelnd die Gelassenheit empfing.

© 2022 Joanna Watson Stein

Photo by Martin Fässler